Schluss
Als der Jesuitenpater Teilhard de Chardin am Anfang des 20 Jahrhunderts den Begriff der Noosphäre entwickelt, dachte er an eine Phase der geistigen Evolution, in der die Menschheit zu einer geistigen Einheit in Jesus zusammenwachsen würde. Am Ende der Evolution wäre die Menschheit eine “Hülle aus denkender Substanz.”142 Durch Marshall McLuhan fand das Konzept der Noosphäre ohne den theologischen Hintergrund als englischer Begriff noosphere Einzug in die Medientheorie. Die Noosphäre ist eine kollektive Intelligenz, ein Gehirn aus Gehirnen. Das Denken geht von einzelnen Individuen aus, doch es vollendet sich oberhalb des Individuums. Die Noosphäre ist kein Kollektivismus wie in einem Bienen- oder Ameisenstaat. Es geht um die globale Vernetzung der Individuen mit dem Ziel der gegenseitigen Anerkennung und Bereicherung. “Man muss Teilhard nicht in die Schwindel erregenden Höhen des Gottesproblems folgen, um zu sehen, dass die Internetkulturen viele der Qualitäten einer Noosphäre verkörpern.”143
In seinem Essay Homesteading the Noosphere144 untersucht Eric Raymond die Praxis, wie Urheberschaft und Kontrolle über Open-Source-Software geregelt ist. Dabei beschreibt er das Hackermilieu als ‘Geschenkkultur’,145 deren Mitglieder gegenseitig um Anerkennung konkurrieren würden. Dabei würden sie ihre Zeit, ihre Energie und ihre Kreativität in einem positiven Sinn verschenken. Sie bilden eine Gemeinschaft, die mehr sei, und deren Möglichkeiten mit weiteren Geschenken in Form von Software, Dokumentationen und Essays immer weiter wüchse. Sie würden eine weltweit vernetzte Intelligenz bilden. Doch inwieweit ist das Internet wirklich eine Noosphäre und die Freie-Software-Bewegung ein Teil der weltweit vernetzten Intelligenz?
Anders als die kalifornischen Ideologen und viele Hacker glauben machen wollen, ist das Internet und mit ihm viele freie Software keine alleinige Erfindung der Industrie und kreativen Einzelköpfen. Die grundlegenden Technologien und Standards sind an den Universitäten mit massiver öffentlicher Förderung, zum Beispiel durch das amerikanische Verteidigungsministerium entstanden. Von Anfang an sind diese Technologien und Standards in akademischer Tradition veröffentlicht worden, wie in den bereits erwähnten Request for Comments. Nur durch diese Veröffentlichungen konnte sich das Internet so schnell entwickeln. “Hier gab es in den ersten Jahren keine Trennung zwischen Erfindern, Entwicklern und Anwendern. Die Informatik hat im Netz nicht nur ihren Forschungsgegenstand, sondern zugleich ihr Kommunikations- und Publikationsmedium. Es ist gleichzeitig Infrastruktur und Entwicklungsumgebung, die von innen heraus ausgebaut wird.”146
Mit dem Internet transportierten die Wissenschaftler die Ideale und Regeln der Wissensproduktion aus den Universitäten heraus und bildeten die Noosphäre, wie viele Hacker und Medientheoretiker sie gerne nennen.
Zur Beschreibung der weltweit vernetzten Intelligenz muss aber nicht unbedingt der esoterisch aufgeladene Begriff der Noosphäre genommen werden. Der amerikanische Soziologe Robert K. Merton nennt die Ideale der wissenschaftlichen Arbeitsteilung auch bewusst provokativ den “Wissenskommunismus der Wissenschaft”.147 Damit meint er die Trennung von Erkenntnis und Eigentum: Forschungsergebnisse müssen veröffentlicht werden, damit von ihnen gelernt werden kann. Dazu kommt die Trennung von Wissenschaft und Staat. Lehre und Forschung dürfen keinen externen Anweisungen folgen, erst recht nicht, wenn sie mit öffentlichen Mitteln finanziert werden. Ihr Wissen muss für alle zugänglich sein.
Durch die freie Software hat auch der “Wissenskommunismus” der Informatik die Universitäten verlassen. Jeder kann Wissenschaft betreiben, forschen und seine Ergebnisse veröffentlichen. Mit ihrer Veröffentlichung wird das Wissen zum Gemeingut. Das Kollektiv vernetzter Individuen schafft mehr, als ein Einzelner oder ein Team schaffen kann.
Die Universitäten heute wenden sich vom “Wissenskommunismus” ab. Was in Amerika schon länger der Fall ist, erreicht auch Europa. In einem Interview mit Spiegel-Online sagt Richard Stallman zu dieser Entwicklung: “Die Situationen in Amerika und Europa sind zwar unterschiedlich, aber das Ergebnis ist dasselbe, weil Geldmittel für Universitäten oft von Regierungsstelle kommen, die auf die Kommerzialisierung der Universitätsprojekte bestehen. Für mich ist dies eine Art von Korruption, wenn sie auch nicht versteckt abläuft. In den USA schränkt die Regierung die Unterstützungen für Universitäten ein. Deshalb kommen sie auf die Idee, sich mehr wie Wirtschaftsunternehmen zu verhalten, um den Geldfluss aufrecht zu erhalten.”148
Die Universitäten werden dem Ideal der Marktwirtschaftlichkeit gerecht und zur reinen Ausbildungsstätte des Bedienpersonals der Ökonomie und zu Patent- und Kopierrechteverwaltern. Durch die Kürzung staatlicher Förderungen sind sie immer mehr auf Drittmittel aus der Industrie angewiesen, die selten an Grundlagenforschung, sondern oftmals an direkt verwertbaren Ergebnisse interessiert sind. Doch vor allem das freie Spiel der Kreativität in der Grundlagenforschung hat zum Beispiel das Internet hervorgebracht. Am Anfang war es nur eine Vernetzung von verschiedenen Universitäten und Wissenschaftlern in Amerika, um die Ergebnisse ihrer Forschung auszutauschen. Wer hätte damals gedacht, dass das Internet ein mächtiges Geschäftsfeld werden würde. Vor allem auf dem Gebiet der Informatik betreiben viele Universitäten ihre Entwicklungen als Geschäft. Sie forschen oftmals nur, wenn der Gebrauchswert der Software tendenziell Träger von Tauschwert ist. Deshalb ermutigt Stallman “jeden Universitätsstudenten, die Mitarbeit an Softwareprojekten zu verweigern, wenn diese Software nicht freigegeben werden soll.”149
Die Freie-Software-Bewegung hat mitgeholfen, die Wissensproduktion aus den Elfenbeintürmen und Verließen der Universitäten zu befreien und zu den Massen zu tragen. Mit dem Internet steht allen ein noch nie da gewesenes Wissensreservoir zur Seite, das durch die ‘Geschenkkultur’ der Hacker beständig wächst. Jeder kann Wissenschaft betreiben, seine Ergebnisse veröffentlichen und kann sich, wie im KDE-Projekt, sicher sein, dass seine Ergebnisse schnell von Hunderte Augen überprüft und kritisiert werden. Der Anarchismus der Freien-Software-Bewegung hat der Ideenproduktion ein Stück Autonomie gegenüber der Warenproduktion gegeben. Natürlich kann freie Software zur Ware werden. Nur geht sie nicht verloren, wenn sie nicht unmittelbar einen Gebrauchswert für Viele hat. Selbst wenn zunächst nur eine kleine Gruppe von Anwendern die Software benutzt, steht sie doch der Menschheit als Allgemeineigentum zur Verfügung. Die Freie-Software-Bewegung ist die radikale, anarchistische Kritik an der heutigen Ordnung des geistigen Eigentums, nicht nur in der liberalen Gesellschaft Amerikas, sondern an dessen Ordnung in der ganzen globalisierten Welt. Vor allem die Anhänger von Richard Stallman und der Free Software Foundation wollen geistiges Eigentum nicht nur in Gestalt von Software, sondern auch in der Gestalt von Büchern oder Musik von proprietären Lizenzen befreien. Im Gegensatz zu den Open Source-Anhängern oder den Vertretern der BSD-Lizenz, sagt Stallman von sich: “Ich tendiere mehr zu der linken anarchistischen Idee, daß wir uns freiwillig zusammensetzen und ausdenken sollen, wie wir durch Zusammenarbeit für alle sorgen können.”150
Damit plädiert er für einen genossenschaftlichen Anarchismus, der zumindest in Bezug auf das geistige Eigentum frei nach dem französischen Anarchisten Jean-Pierre Proudhon sagt, dass Eigentum Diebstahl sei. Für Viele ist die Forderung nach Abschaffung des geistigen Privateigentums heute undenkbar. Dagegen sagt Jeremy Rifkin: Dass “wir Marktsystem und Warentausch hinter uns lassen, ist derzeit für viele Menschen noch genauso unvorstellbar, wie es die Einhegung und Privatisierung von Land und Arbeit und damit die Einbindung in Verhältnisse des Privateigentums vor einem halben Jahrtausend gewesen sein mögen.”151
Wobei hier nocheinmal betont sei, dass die GPL das geistige Privateigentum nicht abschafft, die Kontrolle über das geistige Allgemeineigentum wird aber durch die GPL gestärkt. Die Freie-Software-Bewegung hat nicht nur eine anarchistische Revolution in der Software- und Computer-Branche losgetreten, sondern auch eine in der Wissensproduktion und der Wissensvermittlung, und damit in der Ordnung des geistigen Eigentums im Kapitalismus. Sie hat Wissen, welches immer der Menschheit gehört, aus dem Privateigentum befreit. Zwei dieser bärtigen Revolutionäre, Stallman und Moglen, saßen in einem New Yorker Restaurant zum Mittagessen zusammen und einer, Eben Moglen, erinnert sich: “As we were talking, I briefly thought about how we must have looked to people passing by. Here we are, these two little bearded anarchists, plotting and planning the next steps. And, of course, Richard is plucking the knots from his hair and dropping them in the soup and behaving in his usual way. Anybody listening in on our conversation would have thought we were crazy, but I knew: I knew the revolution’s right here at this table. This is what’s making it happen. And this man is the person making it happen.”152