1.1 Amerikanischer Radikalismus

Aus Anarchie der Hacker
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Der Anarchismus in den USA ist nach zwei Jahrhunderten Unabhängigkeit fundamental vom europäischen oder russischen Anarchismus zu unterscheiden. Die Einwohner der USA gaben sich eine eigene nationale Identität, als sie sich von Europa emanzipierten. Dabei schufen sie einen eigenen liberalen Radikalismus des “new lands, new men, new thoughts.” Der amerikanische Radikalismus war neu, keine Variation des europäischen Radikalismus, auch wenn jede radikale euro­päische Bewegung ihren Außenposten in den USA hatte. “Our radicals have con­centrated on emancipation, on breaking the prisons of authority, rather than on planning any reconstruction. They are abolitionists, not institution-builders; advo­cates of women’s liberation, gay liberation, liberation theology, black liberation; prophets, not priests; anarchists, not administrators. They generally presume that the freed spirit will require little or no guidance.”13

Der amerikanische Anarchismus wollte niemals alle Autorität abschaffen. Ent­gegen einem allgemeinen Vorurteil waren die Anarchisten keine Comic-Figuren mit zerzausten Haaren, einem irren Blick und die Arme voller Bomben. Sie waren Vertreter einer neuen Form von Ordnung, die des amerikanischen Anarchismus. Problematisch an dem Begriff des Anarchismus ist, dass er selbst niemals eine Doktrin oder feststehende Lehre sein kann. Der Anarchismus kann von jedem sei­ner Anhänger neu überdacht und wieder anders vertreten werden. In Amerika führte das zu der ausgeprägten Spaltung in einen ‘rechten’ und einen ‘linken’ Anarchismus. Konsistenz in der politischen Theorie darf man von Anarchisten nicht erwarten, denn der Anarchismus ist eher eine sich stets neu vollziehende Si­tuationsanpassung. Als Beispiel für den inkonsistenten Anarchisten führt DeLeon den amerikanischen Schriftsteller Henry David Thoreau an: “I quietly declare war with the state, after my own fashion, though I will still make what use and get what advantage of her as I can, as is usual in such cases.”14

Für die Entwicklung des Anarchismus in Amerika macht DeLeon historisch drei Faktoren aus: Zum einen den radikalen Protestantismus der englischen Ein­wanderer, dann den amerikanischen Kapitalismus, der den Gedanke von Gemein­schaft durch individuellen Anarchismus ersetzt hat, und drittens die amerikanische Weite des Siedlungsgebiets, die es zulässt, für sich zu bleiben. Auf eigene Faust hinauszugehen und als Individuum die Aneignung der besitzlosen Wildnis und sei­nen Geschäftserfolg auf einen unregulierten freien Markt zu riskieren, sind histo­rische Bedingungen die in Amerika zu einer besonderen Vaterlandsliebe geführt haben.

Am Anfang der amerikanischen Gesellschaft stand der Protestantismus. Er beruht auf dem Glauben an das Individuum. Kein Priester kann einem seine Sünden ab­nehmen, man ist sein eigener Geistlicher, eine individuelle Seele in einer Gemeinde aus Individuen. Die ersten Siedler in den USA waren protestantische Radikale, die vom englischen König in die neue Welt verbannt wurden. Frei von König und Vaterland gründeten sie ihre neue Gemeinschaft und gaben sich einen Gesell­schaftsvertrag, in dem alle Mitglieder gleiche Rechte und Pflichten erhielten. Die ersten Siedler, die nach Amerika kamen, haben, obwohl sie meist vor König und Vaterland fliehen mussten, nach europäischem Recht gehandelt. Viele waren Nachgeborene, die von ihren Familien kein Land geerbt hatten und nun, im 17. Jahrhundert zumindest noch, den amerikanischen Ureinwohnern welches abkauf­ten. Niederländische Kaufleute schlossen zum Beispiel mit den dort lebenden Ureinwohnern einen Vertrag über den Kauf der Insel Manhattan ab und gründeten Neu Amsterdam. Die Frage nach der Autorität beantworteten die ersten Siedler mit dem individuellen Bewusstsein ihrer Gemeindemitglieder, welches einem hö­heren Gesetz folgt als jede Regierung. Der Ungehorsam gegen ein ‘ungerechtes Gesetz’ ist eine moralische Verpflichtung.

Diese moralische Freiheit ist unter den amerikanischen Radikalen weit verbreitet, sei es in den Protesten gegen den Vietnam-Krieg oder in den Befreiungsbewe­gungen der Frauen, Homosexuellen oder Schwarzen. Und sie machte es un­möglich, so DeLeon, dass sich amerikanische Radikale in einer Form organisieren, die über die der Bewegung hinaus geht. Der kritische Geist dieser Bewegungen sperrt sich gegen eine Theoriebildung und gegen Institutionen.

Die bekanntesten und verehrtesten amerikanischen Radikalen wie Martin Luther King, Jr., haben mit tiefer moralischer Überzeugung argumentiert und predigten ihren Zuhörern ihre Überzeugung wie einer gläubigen Gemeinde. Radikale Bewe­gungen sind in Amerika nur populär, wenn Prediger sie führen und sie ihre Über­zeugung als Religion verkünden.15

Marxistische Gruppen, wie die Kommunistische Partei der USA, oder viele atheis­tische Black-Panther-Aktivisten sind untergegangen. DeLeon sieht einen Grund für diese Entwicklung darin, dass sie sich mit ihrem Atheismus von der ame­rikanischen Masse entfernt haben. Doch er nennt noch einen weiteren Grund, warum sozialistische Parteien, die in Europa Erfolg hatten, in den USA untergegangen sind: “’The working class’ has been further fragmented by immigration, race, ethnicity, religion, economic differences, and geographic and economic mobility.”16 Es gab in den USA keine einheitliche Arbeiterbewegung, wie in England, Frankreich oder Deutschland. Der amerikanische Kapitalismus hat anarchistische Impulse in der amerikanischen Tradition erzeugt, die bis heute noch in einem Anarcho-Kapitalismus erhalten sind, wie wir später noch mit der kalifornischen Ideologie sehen werden. Der Kapitalismus in der neuen Welt hat die alten Autoritäten des europäischen Kontinents gar nicht erst aufkommen lassen, sondern neue Autoritäten geformt. Dabei benutzt DeLeon den Begriff Kapitalismus nicht als Synonym für Geschäft, Profit oder Gier, sondern für das ökonomische Prinzip von Eigentum an Produktionsmitteln, dessen treibende Kraft der Profit ist. Ein Prinzip, welches sich im Protestantismus wiederfindet: “If Puritans were successful, they were urged not to spend their profits on themselves, but to reinvest them. Reinvestment was good stewardship of God’s wealth, made a grater contribution to the community, and protected one from the temptations of vanity that lurked in consumption.”17

Alle Individuen verfolgen ihre eigenen Interessen auf dem freien Markt, auf dem sie ihren Willen frei betätigen können. Es ist ein darwinistischer Markt, auf dem nur der Stärkere überleben kann. Der russische Anarchist Peter Kropotkin inter­pretierte die Aktivitäten des amerikanischen Kapitalismus als Befreiung, denn Millionen Transaktionen wurden ohne die geringste Einmischung der Regierung oder des Staates vorgenommen, niemand schien Verträge brechen zu wollen, die er eingegangen war.18 Neben Protestantismus und Kapitalismus sieht DeLeon das riesige Siedlungsgebiet als ausschlaggebend für den amerikanischen Anarchismus. Zwar haben Kanada und Australien auch riesige Landflächen, welche die Men­schen in kleine Gemeinden atomisieren, aber sie teilen nicht die amerikanische Ideologie vom Neuanfang, von der Emanzipation von Europa — sie haben schlicht einen anderen Gründungsmythos. Hinter den ersten Kolonisten der Mayflower lagen dreitausend Meilen Ozean, der sie vom englischen König befreite und vor ih­nen lag unentdecktes Land. Wenn sie Probleme hatten, mussten sie diese lokal lö­sen, schließlich konnten sie keinen englischen Richter berufen. Über zweihundert Jahre später konnte Kropotkin immer noch beobachten, dass die Leute ihre Pro­bleme selbst lösten, anstatt eine zentrale Regierung um Hilfe zu bitten. Amerika war atomisiert in kleine Farmer, Handwerker und Geschäftsleute. Einige Western-Filme handeln noch heute davon, dass in den weit verstreuten Gemeinden die Mit­glieder häufig schon selbst Recht gesprochen hatten, bevor der US-Marschall mit dem Zug anreisen konnte, um das Recht wiederherzustellen.

Der französische Historiker Alexis de Tocqueville sah in den 1830er Jahren einen amerikanischen Laissez-faire-Liberalismus, dessen Akteure den Staat nicht glorifi­zierten und dessen Regierung nur die Erhaltung der Ordnung garantierte, sich aber weiter nicht einmischte. Es gab keinen Wunsch nach und selten eine Erinnerung an einer feudalen Ordnung oder einer etablierten Aristokratie. Um die ame­rikanische Lebensweise zu beschreiben benutzte Tocqueville den Begriff l’indivi­dualisme. Dabei fiel ihm auf, dass der Begriff in Amerika durchgehend positiv besetzt war, während er in Europa mit Selbstsucht und antisozialem Verhalten gleichgesetzt wurde.19 Schon im frühen 19. Jahrhundert, bevor sich Bombenattentäter als Anarchisten be­zeichneten, war Anarchismus für Tocqueville und andere Theoretiker ein schwie­riger Begriff, da er in Europa die Abschaffung der alten Ordnung bedeutete. Euro­päer verstanden unter Anarchismus die Abwesenheit von Staat, Kirche und Aristo­kratie. In Amerika bedeutete der Begriff laissez-faire. Staat und Regierung sollten sich so wenig wie möglich in die Geschäfte der Leute einmischen. “A few who have trusted completely in the natural order of the marketplace have become expli­cit right anarchists. ‘Mind your own business’ became the literal basis for an Ameri­can anarchism. [...] Such an anarchist is, in one sense, the ultimate American.”20

Ronald Reagan brachte in seinen Kampagnen zur Präsidentschaftswahl gerne rechts-libertäre Statements gegen Regierung und Regierungsform in den USA, um für das freie Unternehmertum zu werben. Den Staat abschaffen wollte er des­wegen nicht. In seinen Reden hatte er damit Erfolg bei seinen Wählern.

Ganz so unkritisch wie noch im 19 Jahrhundert wird der Begriff des Anarchismus auch in den USA nicht mehr gesehen. Seit dem Haymarket-Massaker 1886 wird auch der amerikanische Anarchismus oft mit Chaos gleichgesetzt. Am 4. Mai 1886 wurde in den USA bei einer Demonstration der Gewerkschaften für den Acht­stundentag die erste Bombe geworfen. Sie fiel in einen Polizeitrupp, der die Demonstration auflösen wollte. Die Polizei eröffnete das Feuer. Die vermutlichen Täter, die später festgenommen wurden, bezeichneten sich selbst als Anarchisten und der Prozess wurde zu einem Schauprozess gegen den Anarchismus.

Während in Europa die anarchistischen Bewegungen verschwanden, sieht DeLeon sie in Amerika nur schlafend. Aufgrund der besonderen Geschichte des USA und ihrer eigenen zweihundert Jahre alten Tradition, ist der amerikanische Anarchismus im kollektiven Bewußtsein noch vorhanden. “Yet, by the 1950s anarchism was either forgotten or consciously shelved as archaic, reactionary, and quite out-of-date. Its cynicism about big business, big labor, and big government seemed to be an echo from the simpler society of earlier times. But the old radicalism was only dormant, not dead. The 1960s witnessed the revival of anarchism, not much as a conscious ideology as an impulsive response to excessive authority. [...] As such, it was quite within American traditions of rebellion. [...] Anarchism was to reemerge as both a product and a criticism of the inconsistencies of America.”21

Für DeLeon ist der amerikanische Anarchismus eine Sehnsucht nach den Gründerjahren, als die Gesellschaft noch einfacher war. Diese Sehnsucht vereint die Anhänger des ‘rechten’ und des ‘linken’ Anarchismus.

Die anarchistischen Hippies in Kalifornien waren die Pioniere der politischen Gegenkultur der 1960er Jahre. Sie beeinflussten die linken Bewegungen auf der ganzen Welt. Mit ihrer politischen Form der ‘Direkten Aktion’, der ältere Begriff aus der anarchistischen Tradition ist ‘Propaganda der Tat’, organisierten sie Kam­pagnen gegen Militarismus, Rassismus, sexuelle Diskriminierung und so fort. Die englischen Soziologen Richard Barbrook und Andy Cameron bezeichnen sie in ih­rem Aufsatz Kalifornische Ideologie als “Liberale im sozialen Sinne des Begriffs.” Die Hippie-Bewegung schuf keine Hierarchien wie die traditionelle Linke, sie schufen kollektive und demokratische Strukturen. “Überdies verband die kalifornische Lin­ke den politischen Kampf mit einer Kulturrebellion. Anders als ihre Eltern weigerten sich die Hippies, nach den strengen gesellschaftlichen Konventionen zu leben, in die organisierte Menschen seitens des Militärs, der Universitäten, der Un­ternehmen und selbst der linksgerichteten politischen Parteien gezwungen wurden. Statt dessen zeigten sie ihre Ablehnung der ordentlichen Welt durch lässige Klei­dung, ihre sexuelle Promiskuität, ihre laute Musik und ihre entspannenden Dro­gen.”22

Ihr Eintreten für universalistische, rationale und progressive Ideale wie direkte Demokratie, Toleranz, Selbstverwirklichung und soziale Gerechtigkeit, ist die Kri­tik an der amerikanischen Gesellschaft, die DeLeon als anarchistisch bezeichnet: “However, though anarchy may never succeed as anarchy, it is still valuable as a general critique of the failures and myths of official liberal society, providing, in some cases, workable alterations, though not alternatives.”23

Der Anarchismus der amerikanischen Mittelschichtsjugend war ein Gemisch aus esoterischer Erleuchtung und der protestantischen Tradition des Individualismus, direkter Demokratie und personalisiertem Humanismus. Verwöhnt durch 20 Jahre Wirtschaftswachstum glaubten sie wie ihre ehemaligen ungeliebten Klassenkame­raden, die Nerds am MIT, dass die Geschichte auf ihrer Seite stünde. Die Hippies lebten ihre gesellschaftliche Utopie in ihren Happenings und Sit-ins, die Hacker sa­hen sie in Computern, die ihr Leben und das aller anderen zum Besseren wenden könnten.

“Any radical movement, to be popular in the United States, must draw upon the biblical language of rebirth, liberation, purification, and dignity”24, beschließt De­Leon seine Untersuchung. Wer den Willen hat, seine soziale Bewegung in Amerika zum Erfolg zu führen, der benutzt die biblische Sprache. Auch Stallman benutzt sie, wenn er sich als Sankt Ignucius verkleidet und seine ‘Jünger’ segnet. Die Ha­ckerethik, die als anarchistische Antwort computerbegeisterter junger Männer auf eine starre Bürokratie am MIT entstand, war noch frei von direkten religiösen An­spielungen.

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