1.4 Die Uhrmacher

Aus Anarchie der Hacker
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Der Anarchismus der Hacker kommt aus der amerikanischen Tradition. Doch was “ist, wenn wir aus einer erweiterten Perspektive auf die Hacker blicken? Was be­deutet dann die Herausforderung, die sie an uns stellen? Betrachtet man die Ha­cker-Ethik auf diese Weise, wird sie zur Bezeichnung für eine allgemeine, leiden­schaftliche Beziehung zur Arbeit, die sich in unserem Informations-Zeitalter entwi­ckelt.”40 Dann finden wir vielleicht einen geistigen verwandten der Hacker im schweizer Anarchisten Adhémar Schwitzguébel. Schwitzguébel war ein Uhrmacher, genauer Graveur, der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts lebte, als vom Informations-Zeitalter noch keine Rede war. Als Uhrmacher beherrschte er die erste autonome Maschine, die die Wahrnehmung der Menschen für immer verändern sollte.41

Schwitzguébel arbeitete im väterlichen Betrieb in Sonvillier. Sein Vater nahm als Radikaler schon an den Verfassungskämpfen 1847/48 teil, weshalb Schwitzguébel sich in der Zeit des jurassischen Anarchismus freie Zeit für Propagandatätigkeiten nehmen konnte. Wie alle Jurassier stellten die Schwitzguébels ihre Uhren für den Weltmarkt her und wehrten sich schon recht früh gegen eine Einmischung des Staates in ihre Geschäfte. Sie forderten, dass die politische auf Privileg und Autori­tät begründete bürgerliche Gesellschaft durch die ökonomische, die den Prinzipien der Freiheit und Gleichheit gehorcht, abgelöst werden sollte. Sie wollten eine Handelsfreiheit, die durch keinerlei politische Rücksichtnahme getrübt sein sollte.

Als der russische Anarchist Michail Bakunin 1868 den Jura besuchte, fand er be­reits eine selbständige politische Bewegung von relativ freien Arbeitern und Unter­nehmern vor, die untereinander kooperierten und gleichzeitig ihre Erzeugnisse auf dem freien Markt anboten, und die nur einen kleinen Stein des Anstoßes hin zur anarchistischen Bewegung brauchten. “Bakunin konnte diese höchst selbstbewuß­ten Leute nicht nach seinem eigenen Gutdünken führen. Was er damals beitrug, war nicht Leitung; es war bestenfalls eine Anleitung. Eine Fügung des Zufalls hatte Bakunin just in diesem für die Bewegung zur Aufnahme neuer Ideen günstigen Moment nach Le Locle kommen lassen. Die Vorträge und Artikel des Russen öff­neten den Jurassiern die Augen. Größere Zusammenhänge, die sie bis dahin nicht erkannt hatten, taten sich ihnen auf.”42

Die Jurassier waren gleichzeitig Anarchisten, Autonomisten und extreme Förderalisten. Sie hatten keine Führer. Bakunin und Schwitzguébel waren eher Anreger als Leiter. Jede Herausbildung von Führungspersönlichkeiten wurde in der jurassischen Förderation bekämpft. Zwar hat jede Bewegung ihre Führer, doch anarchistische Bewegungen müssen auf eine äußerst subtile Art geführt werden, da dem konsequenten Anarchisten die Grundprinzipien der Freiheit und Gleichheit aller Menschen als unantastbar gelten. “In den Versammlungen traten die aktivsten Militanten aus der Reihe heraus; allerdings nur, um betont bescheiden wieder ins Glied zurückzutreten — aber dann gar oft mit anderem Status als vorher. [...] Wenn einer sich wieder in die Gleichheit zurücksinken ließ, galt er oft in den Augen der anderen als nicht mehr ganz derselbe, als der er aufgestanden war.”43

Welche hierarchischen Strukturen im Jura wirklich herrschten, lässt sich heute kaum noch nachvollziehen, da die Jurassier als führungsfeindliche Anarchisten keine Aufzeichnungen über Führungspersonen machten. Zum anderen wurde die Juraförderation nach dem autonomistischen Grundprinzip ausgerichtet. “Das Autonomieprinzip wurzelt im Gedanken des friedlichen Nebeneinanderbestehens verschieden gearteter Gruppen, die als solche keiner Instanz gegenüber verant­wortlich sind und auch keinen Stellenwert als Einzelteile eines alle Gruppen um­fassenden Ganzen besitzen.”44

Die Jurassier waren aus diesen Gründen auch nie darauf aus, eine Partei zu gründen und um die Macht im Staat zu konkurrieren. Das wäre gegen ihre Über­zeugung gewesen. Für sie wurde jeder Mensch durch den Machtbesitz korrumpiert. Jede Partei ringt schließlich um den Besitz der politischen Macht im Staat im Hin­blick auf die Nutzbarmachung dieser Macht zur Durchführung ihres Programms. Die Jurassier lebten nicht bloß aus der Negation des Staates heraus. Als Anarchis­ten stellten sie die Herrschaft als solche in Frage. Die Jurassier organisierten sich in der Juraförderation als Bewegung, in der sich gleichgesinnte libertäre Menschen zusammenschlossen.

Nur was hatten die Menschen im Jura gemeinsam, dass sich die libertäre Lehre so unter ihnen ausbreiten konnte? Sie waren allesamt Uhrmacher. Die Jurassier haben sich als Bauern von ihrem kargen Land gelöst und sich der Wirtschaft ver­schrieben, genauer der Uhrenindustrie. Sie wurden zu einer besonderen Arbeiteraristokratie, die ihresgleichen erst über hundert Jahre später bei den Ha­ckern im Silicon Valley wiederfindet, da allerdings unter anderen Voraussetzungen. “So wurde z.B. im Jura durch die generationenlange Präzisionsarbeit in der Uhren­industrie ein bestimmter Arbeitertyp geschaffen, dem das Arbeiten mit der Lupe und mit feinsten Instrumenten und die unerläßliche Genauigkeit und Sorgfalt zur zweiten Natur geworden sind. Andererseits hat der Wechsel von reichlichem Verdienst in guten Zeiten und der Not in Krisenzeiten eine ganz andere Einstel­lung zum Geld und zu den Werten des Lebens überhaupt hervorgebracht, als sie die Bauern haben. Jedenfalls sind manche Eigenschaften, die man dem Jurassier zuschreibt, Eigenschaften des Uhrenarbeiters.”45 Nun muss aus einem Uhrmacher nicht zwingend ein Anarchist werden. Aber die jurassischen Uhrmacher brachten gewisse Voraussetzungen für den Anarchismus mit. Im Gegensatz zu den Fabrik­arbeitern gehörten ihre Produktionsmittel ihnen und keinem Kapitalisten. Sie mussten sich ihr Werkzeug selbst anschaffen. Die kleinen Maschinen waren preis­wert und ließen sich in den engsten Stuben leicht unterbringen. Außerdem war ihre Arbeit nicht so stumpfsinnig wie die von Fabrikarbeitern. Bakunin schrieb über sie: “Eure Arbeit ist intelligent, artistisch, sie verdummt nicht, wie die Maschinenarbeit. Eure Geschicklichkeit und Intelligenz kommen mit in Betracht, und ihr habt viel mehr Zeit und relative Freiheit, daher seid ihr gebildeter, freier und glücklicher als die übrigen Arbeiter.”46

Bigler führt weiter aus, dass die besondere wirtschaftliche und gesellschaftliche Verfassung der Jurassier die Ausbreitung der anarchistischen Lehre begünstigt hatte. “Die Arbeit am Fenster erlaubte das Philosophieren, ermöglichte die ge­dankliche Spekulation; Diskussionen in den Werkstätten, durch keinen Maschinen­lärm erschwert, öffneten neue Welten. Unter Reden, Gedankenaustausch, Wort­wechseln schritt die Arbeit in den Ateliers munter fort. Das ästhetische Metier [...] forderte von jedem, der als Uhrmacher tätig sein wollte, Schulung der Hand und Schulung des Verstandes.”47 Ihr Selbstbestimmungsrecht erschien den Jurassiern als natürliche Ordnung. Sie waren eben relativ freie und autonome Arbeiter, man­che von ihnen auch Unternehmer, bevor sie zu Anarchisten wurden. Deshalb stellt Bigler auch fest, dass der Genuss der Freiheit zur Forderung nach Freiheit führt.

Die im Jahr 1876 einsetzende und 1879 zum Abschluss kommende Wirtschafts­krise in der Uhrenindustrie hatte die Auflösung der Juraförderation zur Folge. In der Not konkurrierten sich die Uhrenarbeiter gegenseitig nieder. Dieser erbitterte Kampf um das tägliche Brot zerstörte das Solidaritätsbewusstsein der Arbeiter­schaft. Als bekannter anarchistischer Agitator wurde Adhémar Schwitzguébel nach dem Tod seines Vaters 1879 keine Arbeit mehr gegeben. Zu Hause hatte er zehn hungrige Mäuler zu stopfen. Als ihm ein Freund und Besitzer eines Ateliers in Biel, einen Arbeitsplatz anbot, nahm er das Angebot an und verließ das ungastlich ge­wordene Sonvillier.

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