1 Anarchismus und Hackerethik

Aus Anarchie der Hacker
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Am 15. Mai 1969 stürmten bewaffnete Polizeieinheiten auf Befehl des Gouver­neurs von Kalifornien, Ronald Reagan, den People’s Park in der Nähe des Campus der Universität von Kalifornien, um gegen protestierende Hippies vorzugehen. Dabei wurde ein Mensch getötet und über hundert verletzt. Das konservative Establishment mit Gouverneur Reagan und die Gegenkultur der Hippies schienen zwei antagonistische Gegensätze zu sein. David DeLeon findet in seinem Buch The American as Anarchist allerdings heraus, dass Gouverneur Reagan und die Hippies eher zwei Extreme desselben amerikanischen Anarchismus sind.12 Für DeLeon ist der Anarchismus in den USA die einzige radikale Kritik von Rechten und Linken an der liberalen amerikanischen Gesellschaft. DeLeon nennt die beiden Flügel auch ‘rechte und linke Libertarier’. Wobei Libertarier nur ein anderes Wort für Anarchist ist. In Amerika hat sich der Anarchismus bis heute als gesellschaftliches Phänomen erhalten können, während er in Europa weitestgehend verschwunden ist.

In den 1960er Jahre erwachte der Anarchismus in Amerika mit den Hippies zu neuem Leben. Die Revolte für mehr Bürgerrechte und die antistaatliche Propagan­da bekam auch eine kleine Gruppe junger Computerenthusiasten am MIT mit. Im Gegensatz zu den rebellierenden Hippies gingen sie aber nicht auf die Straße, son­dern revoltierten gegen die autoritären Strukturen im Informatikzentrum des MIT. Dabei schufen sie die Hackerethik, ein genossenschaftlicher Anarchismus, der je­den zur Kooperation und zum Teilen von Software verpflichten soll. Die Ha­ckerethik passt aber nicht nur zum linken Flügel des amerikanischen Anarchismus, sondern auch zum rechten, dem kapitalistischen Anarchismus. Während es den Vertretern des linken Flügels um den Gebrauchswert von Software geht, die sie ge­meinsam entwickeln und untereinander austauschen, interessiert sich der rechte Flügel für den Tauschwert, den man auf dem Markt durch den Verkauf von Soft­ware in Geld realisieren kann. Beiden Flügel wollen keine Einmischung des Staates in ihre Angelegenheiten. Trotz dieser Gemeinsamkeit könnte man meinen, dass sich genossenschaftlicher und kapitalistischer Anarchismus gegenseitig aus­schließen. In der Vergangenheit haben beide Flügel des Anarchismus schon gut zu­sammen funktioniert, wie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bei den Uhr­machern im schweizer Jura. Dort brachte der Anarchismus eine Arbeiteraristokra­tie hervor, die man erst über hundert Jahre später im Silicon Valley in Kalifornien wiederfindet. Auch in der Freien-Software-Bewegungen finden sich beide Flügel des Anarchismus, wenn auch meist in verschiedenen Strömungen.

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