2.1 Der Homebrew Computer Club

Aus Anarchie der Hacker
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Eine der herausragenden Gestalten des Homebrew Computer Clubs war Lee Felsenstein. Angeregt durch die Protestbewegungen gegen den Vietnamkrieg und der Free Speech Movement, steht er für eine Bewegung, welche die Hackerethik weg vom Uni-Campus auf die Straße brachte. In den 1970er Jahren war der Um­gang mit Computern noch nicht selbstverständlich. Viele Menschen mystifizierten sie, oder sahen in ihnen etwas böses. Felsenstein wollte den Menschen den Computer näher bringen, um ihn zu entmystifizieren. Er war fest von der Ha­ckerethik überzeugt: Computer können dein Leben zum Besseren verändern.52

Begeistert von den anarchistischen Treffen der Free Speech Movement, erschrak er aber darüber, wie feindlich die Leute gegenüber der Technik eingestellt waren. Also fasste er den Entschluss, die Hackerethik den Massen näher zu bringen und mit ihr den Glauben, dass sich durch Technik ihr Leben zum Besseren wenden kann. So entstand der Homebrew Computer Club, den er mit anderen Mitstreitern gründete. Ihr Ziele waren schnell klar: Es waren die Prinzipien von Kooperation und freiem Austausch. Jeder konnte in dem Club Mitglied werden, und es wurden keine Mitgliedsbeiträge erhoben. Schon recht bald entwickelte sich der Club zu einem wahren Hackerparadies: “The people in Homebrew were a mélange of professionals too passionate to leave computing at their jobs, amateurs transfixed by the possibilities of technology, and techno-cultural guerillas devoted to overthrowing an opressive society in which government, business, and espacially IBM had relegated computers to a Priesthood.”53

Wie bei den MIT-Hackern war der Homebrew Computer Club ein fast reine Männerdomäne, auch wenn jeder und somit auch jede Mitglied werden konnte. Einer Freundin von Felsenstein, die des öfteren Clubtreffen besuchte, fiel auf, dass sie nur jedes vierte Wort von dem verstand, was die “Jungs” sagten. Die Obsession der Hacker, Macht über ihre Computer zu haben, machte sie wütend. Ihren Unmut darüber fasste sie in der Wendung “the boys and their toys”54 zusammen. Die männliche Vorliebe, für diese Macht, für die absolute Kontrolle über eine Ma­schine, konnte sie sich allerdings nicht erklären.

Felsenstein sagt über den Club Jahre später im Interview mit Levy, dass der Club in einem bestimmten Sinn politisch gewesen sei, da sie ihn nach der Hackerethik ausgerichtet hatten. Ihnen ging es dabei nicht darum, die Frage von Eigentum und Eigentumsrecht zu diskutieren, sondern, so Felsenstein, waren sie mehr an etwas interessiert, was man ‘Propaganda der Tat’ nennen mag. Im Glauben an Technolo­gie und Fortschritt, gingen sie daran, Computer für die Massen zu bauen. Dabei halfen sie einander mit Komponenten aus und testeten Entwicklungen von Club­mitgliedern.

Für den ersten Computer für die Massen, auch wenn der nur für die Masse der Computerbegeisterten geeignet war, lohnte es sich schon, Software zu verkaufen, da die Computerbegeisterten bereits einen kleinen Markt darstellten. Dieser erste Computer, ein Vorläufer des PCs, war der Altair. Nach dem er in Fachzeitschriften angekündigt worden war, erfolgte ein regelrechter Sturm auf den neuen Rechner. Die Firma MITS kam mit der Belieferung eingehender Bestellungen kaum hin­terher. “Der Micro-Computer präsentierte sich in Preis und Format als ‘Computer für jedermann’: MITS verkaufte die erste Version für weniger als 400 Dollar, und das Chassis war kaum größer als eine elektrische Schreibmaschine.”55

Für den ersten Altair gab es weder eine Tastatur noch einen Monitor. Es gab auch kein Speichermedium wie ein Diskettenlaufwerk oder ähnliches. Software war kaum vorhanden. Wer welche brauchte, musste selbst programmieren, oder erhielt sie in Computerclubs wie Homebrew. “The increasing number of Homebrew members who were designing or giving away new products, from game joysticks to i/o boards for the Altair, used the club as a source of ideas and early orders, and for beta-testing of the prototypes. Whenever a product was done you would bring it to the club, and get the most expert criticism available.”56

Einige Zeit später erschien für den Altair ein Betriebssystem in der Programmier­sprache BASIC, dem Beginners All-Purpose Symbolic Instruction Code. Mit BASIC als Betriebssystem konnte man zum Beispiel eine Datei mit copy von A nach B ko­pieren, oder auch ganz neue Programme schreiben. Geschrieben wurde es von Paul Allen und Bill Gates, den späteren Gründern von Microsoft. Grundlage von ihrem BASIC war das BASIC der Informatikprofessoren John Kemeny und Tho­mas Kurtz, das sie für ihre Studenten geschrieben und deshalb frei veröffentlicht hatten. Die Leistung von Allen und Gates bestand hauptsächlich darin, BASIC auf den Altair zu portieren. In seinem Aufsatz Am Anfang war alle Software frei schreibt Baumgärtel, dass es heute nicht mehr nachzuweisen sei, ob Gates selbst jemals wirklich von der Hackerethik überzeugt gewesen war. Er war es wohl nicht, denn Levy zeigt dagegen, dass Gates von Anfang an fast ausschließlich für Geld pro­grammierte: “Since high school the two of them had been hacking computers; large firms paid them to do lucrative contract programming. By the time Gates, a slim, blond genius who looked even younger than his tender years, had gone off to Harvard, the two had discovered there was some money to be made in making in­terpreters for computer languages like BASIC for new computers.”57

Schon recht früh wurden Allen und Gates für das Programmieren bezahlt. Eine Erfahrung, welche die Hacker am MIT und an anderen Universitäten nicht mach­ten, denn ihre Programme waren für alle offen. Allen und Gates verkauften ihr Programm für den Altair nicht komplett an MITS, sondern erteilten der Firma nur eine Lizenz für den Gebrauch. Wer BASIC für den Altair haben wollte, musste es kaufen. Ein Novum, das gegen die anarchistischen Grundsätze der Hackerethik verstieß. Für die Hacker im Homebrew Computer Club erschien es richtig, BASIC zu kopieren und zu verbreiten. Warum sollte Eigentum einen Hacker davon abhalten, ein System oder ein Werkzeug zu erforschen? Ihre Propaganda der Tat bestand nun darin, BASIC frei zu verteilen. Für einen Hacker kostet Software am besten nichts. Schließlich geht es ihm um den Gebrauchswert. In den Computerclubs wurde BASIC daher fleißig kopiert und dadurch zu einem der am weitest verbreitetsten Programme. Gates war darüber nicht gerade amüsiert, denn für ihn galt die Hackerethik nicht. In einem offenen Brief an die Hacker, seinem Open Letter to Hobbyists, den er bereits mit “General Partner, Micro-Soft” unterschrieben hat, beschwerte Gates sich 1976 über die Kultur des freien Austauschs und des Verschenkens: “The feedback we have gotten from the hundreds of people who say they are using BASIC has all been positive. Two surprising things are apparent, however, 1) Most of these ‘users’ never bought BASIC (less than 10% of all Altair owners have bought BASIC), and 2) The amount of royalties we have received from sales to hobbyists makes the time spent on Altair BASIC worth less than $2 an hour. Why is this? As the majority of hobbyists must be aware, most of you steal your software. Hardware must be paid for, but software is something to share. Who cares if the people who worked on it get paid?”58

Auf einer Konferenz für die Nutzer des Altairs begann Gates eine persönliche Fehde mit den Computeramateuren. Er forderte, dass die Kultur des Tauschens durch eine Software-Industrie ersetzt werden soll. Jeder, der BASIC unrechtmäßig erworben hatte, sollte es angemessen bezahlen. Dabei nahm Gates eine thea­tralische Haltung ein. In einem weiteren Absatz seines Briefes greift er die Hacker direkt an: “What about the guys who re-sell Altair BASIC, aren’t they making money on hobby software? Yes, but those who have been reported to us may lose in the end. They are the ones who give hobbyists a bad name, and should be kicked out of any club meeting they show up at.”59

Gates war an BASIC als Unternehmer nur insoweit interessiert, dass sein Ge­brauchswert Träger von Tauschwert war. Er war am Preis interessiert, und der sollte in Form von Bank-Schecks auf das Konto von Microsoft wandern. Wie gut oder schlecht BASIC auch programmiert war, das freie Kopieren seines Pro­gramms war für ihn Diebstahl. Viele Hacker hielten BASIC für ein faschistisches Betriebssystem, weil es die Möglichkeiten des Computers nicht im vollen Umfang zur Verfügung stellte.60 BASIC begrenzte die Macht der Hacker über die Maschine. Gates hatte jedoch Glück im Unglück. BASIC war das einzig brauchbare Betriebs­system, das für den Altair zur Verfügung stand. Daher war es über das ganze Land verteilt und auf so ziemlich jedem Altair installiert worden. Es war der De-facto-Standard. Dadurch sollte Microsoft später zu einem seriösen Geschäftspartner für IBM werden. Trotz Gates Drohungen änderte sich Anfangs nicht viel am Geist der Kooperation und des freien Austauschens im Club. “Lee Felsenstein was gaining confidence an purpose through his role as toastmaster of the Homebrew Compu­ter Club. His express desire was to allow the club to develope as an anarchistic community, a society of non-joiners wed, whether they knew it or not, by the Pro­paganda of the Deed.”61 Je weiter das Geschäft mit dem Heimcomputer boomte, je weiter er Verbreitung fand, desto mehr wurde das Hacken zum Geschäft. Wer ein Unternehmen gründet, kann seine Hacks nicht mehr mit anderen teilen. Sie werden zu Geschäfts­geheimnissen und mit ihnen soll Geld verdient werden. Die Hacker des Clubs sa­hen sich nie als eine Organisation an. Organisation hätte Bürokratie bedeutet, und die galt es im Sinn der Hackerethik zu vermeiden. Als Mitglieder einer Bewegung sahen sie sich schon, doch sie waren sich nicht darüber bewusst, warum sie sich organisierten. Dass sich die Mitglieder nie viele politische Gedanken über ihre ge­meinsamen Interessen gemacht hatten, war mit ein Grund für das Ende des Clubs. Hacken mit großen Idealen ist eine Sache, ein Unternehmen zu führen, eine ande­re. Den Heimcomputer zu erfinden und Prototypen zu entwickeln ist ein großes Unterfangen, deren Durchführung ohne Kooperation vielleicht vorstellbar, aber nur schwer machbar ist. Die Entwickler der ersten Heimcomputer, wie auch der Erfinder des Apple II, Stephen Wozniak, tauschten sich innerhalb des Clubs aus, gaben sich gegenseitig Verbesserungsvorschläge und halfen einander. Als aber die Prototypen fertig waren, ging es an ihre Produktion und ans Geschäft. Die Hard­ware-Hacker wurden zu Konkurrenten. “No longer was it a struggle, a learning process, to make computers. So the pioneers of Homebrew, many of whom had switched from building computers to manufacturing computers, had not a com­mon bond, but competition to maintain market share. It retarded Homebrew’s time-honored practice of sharing all techniques, of refusing to recognize secrets, and of keeping information going in an unencumbered flow. When it was Bill Ga­tes’ Altair BASIC that was under consideration, it was easy to maintain the Hacker Ethic. Now, as major shareholders of companies supporting hundreds of employ­ees, the hackers found things not so simple. All of a sudden, they had secrets to keep.”62

Die ehemaligen Anarchisten streiften die linken Ideale der Hackerethik ab und wurden zu Unternehmern. Das war der Untergang des Homebrew Computer Clubs. Er löste sich im Sommer 1977 auf. Die Pioniere der ersten Heimcomputer “befreiten” den Computer aus den Artificial Intelligence Laboratories der Universi­täten und brachten ihn unter das Volk. Computer waren nun nicht mehr die bösen Maschinen, die sie noch zur Zeit der Studentenproteste waren. Durch ihre Compu­ter für die Massen, ein Ziel, das von der Hackerethik gesetzt und gefördert wurde, gründeten sie eine neue Industrie. “The Hacker Ethic had met the marketplace”,63 doch sie drohte dadurch auch zu verschwinden. Information war nicht mehr frei. Die Hacker unterwarfen sich der Bürokratie in den jungen Unternehmen. Es ging nicht mehr unbedingt darum, das beste Programm zu schreiben, sondern um Pa­tente und um Geld. “The idea was to invent the wheel once and for all, slam a pa­tent on it, and sell it like crazy.”64

Die Hackerethik drohte unterzugehen, denn Information ist in der Konkurrenz nicht frei zugänglich. Als Ware oder Produktionsverfahren, als Computerpro­gramm oder Cola-Rezept, ist Information ein monopolisiertes Endprodukt, das nicht geteilt werden darf, wenn der Profit nicht geschmälert werden soll. “The Ha­cker Ethic was changing, even as it spread throughout the country. [...] A hacker could no longer distribute clever programs by leaving them in a drawer, as he had at MIT, nor could he rely on a Homebrew Computer Club system of swapping programs at club meetings. Many people who bought these new computers never bothered to join clubs [...] the Hacker Ethic, microcomputerstyle, no longer ne­cessarily implied that information was free.”65

Kooperation unter Hackern war maximal noch gegeben, wenn sie für das selbe Unternehmen arbeiteten. Da jeder das Rad für sich neu erfinden musste, wurde nicht mehr das beste Programm geschrieben, das möglich wäre. Es gab keinen Einblick in den Quellcode, da Programme jetzt nur noch binär weitergegeben wurden. Zwar unterstützten die Heimcomputer das Ziel der Hackerethik nach De­zentralisation, aber um den Preis, dass kein Austausch, keine Kooperation mehr stattfand. Der Quellcode wurde geschlossen und als Geschäftsgeheimnis betrach­tet. Wie brilliant der Hack nun war, kein anderer Hacker bekam ihn zu Gesicht.

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