2.3 Der Mythos des freien Marktes

Aus Anarchie der Hacker
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So, wie der freie Markt in der kalifornischen Ideologie erscheint, ist er ein Mythos. Barbrook und Cameron stellen in ihrem Aufsatz fest, dass man den freien Markt nicht so rein haben kann, wie es seine Ideologen gerne hätten. Für die Ideologen ist das Internet nicht durch staatliche Organisationen oder mit staatlichen Förder­mitteln entstanden, sondern von einigen enthusiastischen Privatpersonen entwi­ckelt worden, die einfach ihre Ideen gemeinsam mit Gleichgesinnten in die Tat umgesetzt haben. Dabei ist das Internet nicht aus dem freien Markt hervorge­gangen, sondern aus der staatlichen Wirtschaftsplanung, die in den USA Verteidi­gungshaushalt genannt wird: “Auch die Geschichte des Internets widerspricht den Behauptungen der Ideologen des ‘freien Marktes’. Während der ersten zwanzig Jahre seiner Existenz hing die Entwicklung des Netzes fast vollständig von der ge­schmähten amerikanischen Regierung ab. Große Summen an Steuergeldern flossen seitens des amerikanischen Militärs oder der Universitäten in die Herstellung der Netzinfrastruktur und subventionierten den Gebrauch seiner Dienste. Gleichzeitig wurden viele der entscheidenden Programme und Anwendungen des Netzes von Hobbyprogrammierern oder von Spezialisten in ihrer Freizeit ausgearbeitet.”68

Barbrook und Cameron kritisieren die kalifornische Ideologie als asozialen Libe­ralismus. Ein Anarcho-Kapitalismus, in dem das Individuum in der virtuellen Welt der Informationen um sein wirtschaftliches Überleben kämpfen muss. In seinem Roman Cryptonomicon schreibt Neil Stephenson an der kalifornischen Ideologie mit. In Cryptonomicon sind Hacker als Laptop-Cowboys unterwegs, um ihr individuelles ökonomisches Glück westlich von Kalifornien, im wilden Südpazifik zu suchen. Ganz in der Tradition der amerikanischen Gründerväter ist der Westen unzivilisiert und wartet nur auf den unternehmerischen Ehrgeiz des weißen Mannes. Einen sei­ner Laptop-Cowboys, Tom Howard, lässt Stephenson ihre ganze Unternehmung auf den Punkt bringen: “It’s like the Wild West — a little unruly at first, then in a few years it settles down and you’ve got Fresno.”69 Cryptonomicon beschreibt die kalifornische Ideologie, in der die High-Tech-Handwerker ihre individuelle Selbst­verwirklichung finden. In seinem Aufsatz The Course of the Empire Takes its Way im Online-Magazin Telepolis schreibt Volker Hummel dazu, dass der Verdienst Ste­phensons sei, “dass er das Epos für alle geschrieben hat, deren Zukunftsoptimis­mus auf jener ‘widersprüchlichen Mischung aus technologischem Determinismus und liberalem Individualismus’ fußt,”70, die im Zentrum der kalifornischen Ideologie von Barbrook und Cameron ausgemacht werden: “Im populären amerikanischen Geschichtsbild entstand die Nation in der Wildnis durch die Aktivitäten von Individuen, die in Freiheit ihrem Gewinn nachstrebten — durch die Trapper, Cowboys, Prediger und Siedler im Wilden Westen. Die amerikanische Revolution hatte selbst das Ziel, die Freiheiten und das Eigentum der Individuen gegen unterdrückende Gesetze und ungerechte Steuern eines fremden Königs zu schützen.”71 Dieses Geschichtsbild wird positiv auf den elektronischen Marktplatz angewandt: Irgendwie wird der technologische Fortschritt die wirtschaftlichen und sozialen Probleme lösen. Das ist falsch, denn wirtschaftliche und soziale Probleme werden von Menschen gelöst. Barbrook und Cameron befürchten, dass aus den Technolo­gien der Freiheit Maschinen der Unterdrückung werden könnten, wenn sie nicht im Gegensatz zur kalifornischen Ideologie staatlich kontrolliert werden, vor allem in einer Zeit, in der die Globalisierung die kalifornische Ideologie durch Hacker, Unternehmer, Autoren und Künstler über die ganze Welt verbreitet.

Sie kritisieren an der kalifornischen Ideologie, ihren Anarchismus, der sich vor allem im unregulierten freien Markt ausdrückt, auf dem nur der stärkste Indivi­dualist überleben kann. Stephenson streicht bei seinen Hauptfiguren in Cryptonomi­con immer wieder ihre Anpassungsfähigkeit heraus, was sie auch extreme Situa­tionen überleben lässt. “Das bedeutet für ihn die Fähigkeit, in ungewohnten Situa­tionen schnell auf neue Begebenheiten reagieren zu können. Alte Gewohnheiten werden über Bord geworfen und neue Strategien entwickelt. Survival of the fittest eben. Ganze Passagen des Buches scheinen nur geschrieben worden zu sein, um den Grundsatz des Darwinismus möglichst eindrucksvoll zu veranschaulichen.”72

Nun muss Anarchismus nicht unbedingt zum Sozial-Darwinismus des freien Marktes führen, genausowenig wie er ein Synonym für Chaos ist. Mit der Freien-Software-Bewegung breitet sich eine Kultur der Informationsfreiheit aus, die von staatlicher Seite durch Urheberrechte, Zensur, Überwachung und Kontrolle immer wieder unterdrückt wird.

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