2 Kalifornische Ideologie

Aus Anarchie der Hacker
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Der Begriff ‘kalifornische Ideologie’ ist von den beiden englischen Soziologen Ri­chard Barbrook und Andy Cameron in ihrem gleichnamigen Aufsatz geprägt worden. Ideologie bezieht sich, Theodor W. Adorno zufolge, nur auf den Schein, nicht auf das Wesen, also dem wirklichen Sein von gesellschaftlichen Verhält­nissen. Dabei ist die Ideologie mehr als eine Rechtfertigung der bestehenden Verhältnisse, sie ist “objektiv notwendiges und zugleich falsches Bewußtsein, als Verschränkung des Wahren und Unwahren, die sich von der vollen Wahrheit ebenso scheidet wie von der bloßen Lüge”.48 Wer eine Ideologie vertritt, ist kein bewusster Lügner oder vertritt unbewusst die Unwahrheit. Jede Ideologie hat ein rationales Element, wenn sie nicht gerade ein geschlossenes Wahnsystem ist. Allerdings kann das ideologische Bewusstsein nur bedingt und nicht notwendig falsch sein. Wäre es notwendig falsch, könnte kein Bewusstsein — durch Reflexion auf die gesellschaftlichen Verhältnisse — den Schein durchbrechen. “Demgemäß ist auch Ideologiekritik, als Konfrontation der Ideologie mit ihrer eigenen Wahrheit, nur soweit möglich, wie jene ein rationales Element enthält, an dem die Kritik sich abarbeiten kann.”49

Die kalifornische Ideologie ist eine Verschmelzung aus freischwebendem Geist der Hippies mit dem unternehmerischen Antrieb der Yuppies. Sie ist der Schein, oder der Mythos, von einem völlig freien, deregulierten Markt ohne Einmischung von staatlicher Seite. “Diese Verschmelzung der Gegensätze wurde durch einen tiefrei­chenden Glauben an das emanzipatorische Potential der neuen Informationstech­nologie bewirkt. In der digitalen Utopie wird jeder gut drauf und reich sein.”50 Eine durchgesetzte kapitalistische Ideologie ist zum Beispiel, dass jeder seines Glückes Schmied sei. Falsch ist an dieser Ideologie, dass jeder Glück hat, wenn er sich nur bemüht. In der Konkurrenz der kapitalistischen Gesellschaft kann aber nicht jeder Glück haben. Die kalifornische Ideologie ist im Informations-Zeitalter nur die Wiederaufnahme dieser alten Ideologie: Geh ins Valley, werde reich, und lebe das Leben eines Bohème. Tausende von Reinigungskräften, Wachpersonal, Haushälterinnen, Gärtnern, Poolreinigern und so fort, arbeiten für die neue Arbei­teraristokratie der IT-Branche und werden dabei nicht reich. Auch andere nicht, die ihren Lebensunterhalt am Fließband der Computerindustrie verdienen und Monitore zusammenschrauben, auch wenn sie sich noch so sehr bemühen.

Kalifornische Hippies und Yuppies teilen sich eine spezifische Vaterlandsliebe, die sich bei den einen in einer Sehnsucht nach der ursprünglichen vermeintlich anti­autoritären Gemeinschaft und bei den anderen in der Forderung nach dem be­dingungslos freien Markt der Gründerväter ausdrückt. Vom Informations-Zeitalter erhoffen sich beide Seiten die Verwirklichung ihrer Sehnsucht. Ein virtueller Dorf­platz, auf dem jeder seine Meinung sagen darf, ohne Angst vor Zensur, und auf dem jeder mit jedem Handel treibt. Vater dieser Idee war der Medientheoretiker Marshall McLuhan, der die Macht der neuen Technologien pries, die die Macht der großen Unternehmen und der Regierungen brechen könnte: “Elektronische Medi­en [...] schaffen die Raumdimensionen ab. Mit der Elektrizität nehmen wir überall Mensch-zu-Mensch-Beziehungen wie im kleinsten Dorf auf. Es ist eine Beziehung hinsichtlich der Tiefe, ohne Delegation von Funktion oder Macht [...] Der Dialog überwindet die Lektüre.”51 Mit dem theoretischen Hintergrund von McLuhan engagierten sich seit den späten 1960er Jahren die technophilen Radikalen an der Westküste in der Entwicklung der neuen Informationstechnologie. Wichtig für eine Umsetzung dieser Theorie in die Praxis war, dass jeder Mensch Zugriff auf einen Computer haben muss. Noch waren die Computer groß, sperrig und sehr teuer. Deshalb organisierten die Hacker sich in Computerclubs, in denen sie ihr Wissen über Computer miteinander teilten.

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