3.2 Der Mann des Jahres

Aus Anarchie der Hacker
Wechseln zu: Navigation, Suche

Mit Steve Ballmer, einem Pokerfreund von Gates in Harvard, wird der erste Nicht-Programmierer zu Microsoft geholt, als ‘Assistent of the President’. Zwei Monate nach Ballmers Einstellung unterschrieben sie den Vertrag mit IBM über ein Be­triebssystem für den IBM-PC. Durch den Erfolg mit BASIC waren sie für IBM seriöse Partner. IBM bekam MS-DOS zu einem sehr niedrigen Preis unter der Be­dingung, dass sie eine nicht-exklusive Lizenz akzeptierten. Microsoft wollte an je­dem Computer mitverdienen, den IBM und andere Computer-Hersteller mit ihrem MS-DOS verkaufen sollten. “Mit seinem Software-Deal in der Hand drängt Gates 1981 die Designer von IBM, einen PC herauszubringen, der, wie schon der Altair, einem offenen Hardwarebaukasten gleicht. Gates will von Anfang an einen of­fenen Standard, um die Konkurrenz der Computerbauer, PC-Karten- und Chip-Hersteller anzuheizen.”79 Bis 1969 lieferte IBM die Software zu den Großrechnern mit dazu. Kunden kauf­ten mit dem Rechner ein Paket, das Software, Wartung und Schulung des Bedien­personals einschloss. Unter dem Druck des vom US-Justizministeriums eingeleite­ten Kartellverfahrens, musste IBM diese Bündelung 1969 aufgeben. Diese Ent­kopplung war der Beginn einer eigenständigen Softwareindustrie. Software war mit BASIC und MS-DOS erstmals zu einer Ware geworden. Damit MS-DOS für Gates eine schlichte Lizenz zum Gelddrucken werden konnte, war eine weitere Entschei­dung von IBM notwendig: Die Hardwarespezifikationen des IBM-PCs wurden veröffentlicht und erstmals in der Geschichte wurden nicht alle Computerteile im eigenen Haus gefertigt. Den Prozessor kaufte IBM von Intel. Mit der Offenlegung der Architektur und dem Zukauf des Prozessors hatte IBM sich selbst Konkurrenz und den Computer zur Massenware gemacht. Andere PC-Hersteller konnten ohne teure Entwicklungskosten geklonte, also nachgebaute IBM-PCs auf den Markt bringen. Es wurde ein Industriestandard, unabhängig von einem einzelnen Unternehmen gesetzt. Der PC wurde von IBM nicht ernst genommen. Gegen die professionellen Rechner ihrer seriöseren Workstation, war der PC ein reines Spielzeug. Eine Fülle neuer Hardwarehersteller aus West und Fernost unterboten sich mit ihren Preisen für IBM-kompatible PCs. Der IBM-kompatible Computer wurde zum PC schlechthin und jeder Intel-Rechner wurde noch jahrelang als IBM-kompatibel bezeichnet. Der eine große Gewinner des PC-Zeitalters war Intel, da jeder IBM-PC-Klon seine Prozessoren enthielt, der andere war Microsoft, weil ihr Betriebssystem auf dem IBM-PC am besten lief. “Im neuen Zeitalter des Desktop-Computers bildete die Kontrolle über das Betriebssystem den Schlüssel zur Etablierung eines Imperiums, wie IBM schmerzvoll feststellen musste. Microsoft erbte gleichsam IBMs Monopol, das zeitgleich zu Ende ging.”80 Als der Markt für PCs, dem computer on a chip explodierte, verlor der ehemalige Monopolist IBM Boden an die neuen Konkurrenten aus Fernost, und die amerikanische Wirtschaft schien auf diesem Sektor in Gefahr zu geraten. Der Mann-des-Jahres 1984, zu dem das Time-Magazine den PC ernannte, schuf einen riesigen neuen Markt, mit neuer Konkurrenz, die dadurch begünstigt wurde, dass die Zugangsschwellen niedrig waren. Im Gegensatz zu den Millionen US-Dollar teuren Großrechenanlagen konnten Prototypen des PCs für ein paar 100 Dollar zusammengesetzt werden. “Mit der Markteinführung des 8086-IBM-PC 1982 beginnt der Beschleunigungskreislauf Intel — Microsoft, ab 1985 dann der von Windows & Intel. Dieses ‘weiche’ Kartell hat in der Computerindustrie der USA längst einen Namen — ‘Wintel’. Es repräsentiert ein Monopol nach neuem techno-ökonomischen Zuschnitt, ein Duopol, das wie eine in sich verschränkte, handelsrechtlich unangreifbare Technologie-Feedback-Maschine funktioniert. 80% aller Workstations, Notebooks und Server enthielten 2001 Intel-Prozessoren, für die es de facto nur ein Betriebssystem gibt, das seinerseits einen Marktanteil von über 80% hält.”81

Allerdings war MS-DOS keine originäre Erfindung von Gates und Allen. Sie kauf­ten das Betriebssystem QDOS von Tim Patterson82 für ein paar Tausend Dollar und stellten Patterson als Programmierer ein. Der hatte das große Los gezogen, da er mit Microsoft zum Millionär wurde. Das ‘Quick and Dirty Operating System’ hatte seine Wurzeln in einem anderem DOS, dem ‘Control Program for Micro­computers’, kurz CP/M von dem amerikanischen Informatiker Gary Kildall. Der weitaus größte Teil des Quellcodes von QDOS war von CP/M ‘geklaut’. Als Kildall später MS-DOS ausprobierte, konnte er es bedienen, ohne vorher ins Handbuch geschaut zu haben. Die meisten Befehle sind dieselben, wie sie CP/M verwendet. CP/M galt seiner Zeit als das überlegene Betriebssystem für Micro­computer und IBM hatte auch Pläne, seinen Softwaredeal mit Kildall abzu­schließen. Doch dieser Deal kam nicht zu stande. Damit MS-DOS das bessere Betriebssystem vom Markt verdrängen konnte, wandte Microsoft vielleicht zum ersten Mal seine berühmt gewordene Geschäftstaktik ‘FUD’ an. Dieses Kürzel steht für Fear, Uncertainty and Doubt.83 Zusammen mit IBM stellte Microsoft sicher, dass alle Programme, die ursprünglich mit dem IBM-PC ausgeliefert worden waren, nur mit MS-DOS, nicht aber mit CP/M funktionierten und propagierten deshalb MS-DOS als das optimale Betriebssystem. Aus Unsicherheit darüber, ob die Propaganda nun richtig war oder nicht, entschieden sich die Computer­anwender für MS-DOS, und Microsoft dominierte in kürzester Zeit den Markt.

Neben der Etablierung einer eigenständigen Softwareindustrie und des offenen IBM-PCs war für Microsofts Geschäftserfolg und für den Wechsel von freier zur proprietärer Software noch ein dritter Faktor ausschlaggebend. Seit 1981 kann Software in den USA zum Patent angemeldet werden. Davor wurde sie als Algo­rithmus oder mathematische Formel und somit als unschützbar angesehen. Diese drei Faktoren brachten eine Softwareindustrie hervor, die bis heute Tausende von fast identischen Buchhaltungs-, Abrechnungs- und Datenbanksysteme auf den Markt gebracht hat.

Meine Werkzeuge
Namensräume
Varianten
Aktionen
Navigation
Werkzeuge