3.3 Die Freiheit in Schachteln verkauft

Aus Anarchie der Hacker
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Seit 1980 verfolgt Microsoft einfache und klare Geschäftsmethoden: Vom Markt wegkaufen, was einigermaßen nach brauchbarer Software für den Massenmarkt des PCs aussieht, die Programmierer und Entwickler der entsprechenden Programme abwerben oder erfolgreiche Programme von Konkurrenten, zum Beispiel Netsca­pe, kopieren, um sie dann in ihr Betriebssystem zu integrieren, damit die Konkur­renz vom Markt gedrängt wird. Vor allem der letzte Punkt verletzt Anti-Mono­polgesetze, weswegen es 1998 in der Ära Clinton zur ‘Anti-Trust-Klage’ gegen Microsoft kam. Doch die Bush-Regierung hat ihren Frieden mit Microsoft geschlossen. Microsoft ist zu einem bedeutenden Faktor der US-amerikanischen Wirtschaft geworden. Windows ist globaler Standard, was ganze Wirtschaftszweige zunehmend abhängig vom amerikanischen Wirtschaftssystem macht. Die Fähigkeit anderer Länder, sich von den USA abzusetzen, ist dramatisch herabgesetzt, insofern sie einen konstanten Technologiefluss für ihr Wirtschaftssystem aufrechterhalten müssen. Die Fähigkeit der US-Computer-Industrie, über Microsoft die besten Programmierer aus fremden Ländern anzuwerben, stärkt nicht nur die US-Wirtschaft, sondern vermindert ebenso die strategischen Fähigkeiten potentieller ökonomischer und militärischer Wettbewerber.84

Der weltweite Geschäftserfolg von Microsoft beruht auf einen Paradigmenwech­sel, den Softwareproduzenten wie Microsoft Mitte der 1970er Jahre eingeleitet und bis heute konsequent durchgesetzt haben. “Bill Gates entscheidende Leistung als Unternehmer bestand darin, aus Software ein kommerzielles Produkt zu machen.”85 Oder anders gesagt: Aus freier Software proprietäre zu machen. Der Übergang von freier zu proprietäre Software ist der Beginn von Software als Ware und der Beginn von Microsofts Firmengeschichte. Microsofts Verdienst ist es, dass aus Software gleichzeitig eine eigenständige Ware und eine Massenware geworden ist. “Seither kaufen Privatanwender ebenso wie Firmen ihre Software in einge­schweißten Packungen von der Stange.”86 Software war nun ein eigenständiger hart umkämpfter Markt, und die ehemals freie Software wurde in Schachteln verkauft, oder auf dem Computer vorinstalliert: Bei fast jedem Computerkauf muss man heute einen Lizenzvertrag für Windows mit abschließen.

Die proprietäre Lizensierung von Software, die Geheimhaltung des Quellcodes, und aus einer Serviceleistung zur Bedienung von Computern ein kommerzielles Produkt zu machen, bescherte Microsoft traumhafte Gewinne und ließen Bill Ga­tes Karriere als amerikanischen Traum erscheinen. Dazu kam, dass der PC zuerst mit MS-DOS und später mit Windows normiert wurde. Das ist das Resultat einer Lizenzpolitik, die schon im Hardwarebereich ansetzt und die Hersteller von PCs so früh wie möglich an Microsoft bindet. Bevor mit dem freien Betriebssystem GNU/Linux freie Software ihre heutige Popularität erlangte, war vielen Compute­rusern gar nicht mehr bewusst, dass es auch anders möglich ist, und Software jahr­zehntelang nicht von so umfangreichen Lizenzen geschützt war. Microsoft ist ein Unternehmen und deshalb an der Maximierung seiner Profite interessiert, die Ha­cker der Freien-Software-Bewegung dagegen an dem freien Austausch von Wissen — Information should be free. Stallman bringt das in seinem GNU Manifesto auf den Punkt, wenn er schreibt: “If I like a program I must share it with other people who like it.”87 Damit er dieses Recht behält, Software die er mag, zu teilen, entwickelte er die GPL, damit aus freier Software keine proprietäre werden kann. Doch bevor wir zu Stallmans ‘genialstem Hack’, der GNU General Public License kommen, verlassen wir das dunkle Zeitalter der Softwarewelt und kehren in die goldene Zeit des Hackens zurück, als es noch keine ‘unfreie’ Software gab, sondern “nur autoritärere und freiere Informatikinstitute.”88 Stallman wechselte 1971 vom autoritärem Informatikinstitut in Harvard, das Gates 1975 beschuldigte, Rechen­zeit gestohlen zu haben, in das Hackerparadies am MIT.

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