4.2 Das GNU-Ding

Aus Anarchie der Hacker
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Der Verfall des ‘Hackerparadieses’ begann Ende der 1970er Jahre. Erste Anzeichen für den Verfall waren nicht nur die Proprietarisierung von Software, und dass viele Hacker nichts Falsches am Eigentum an Software fanden, sondern auch die Ein­führung von Passwörtern. Als echter Hacker verachtete Stallman Passwörter für den Time-Sharing-Zugriff auf die Computer im AI-Lab. Denn wenn ein Nutzer seine Arbeiten durch ein Passwort vor den Zugriff anderer schützte, konnten sich die anderen Nutzer keine Programme mehr ausborgen, oder sich den Quellcode der Programme ansehen, um daran zu lernen. Stallmans ‘Propaganda der Tat’ gegen Passwörter war, in die Passwortabfrage die Aufforderung einzubauen, doch einfach auf Passwörter zu verzichten.

Seinen nächsten Feldzug betrieb er gegen die Firma Symbolics, die viele Hacker aus dem AI-Lab abgeworben hatte. Das MIT bekam von Symbolics immer die neuste Software, dabei konkurrierte Symbolics mit der Firma LMI, die ebenfalls ehemalige Hacker des AI-Labs eingestellt hatte. Zuerst hatten Symbolics und das AI-Lab noch ein gentleman’s agreement geschlossen. Die Mitarbeiter des Labors durf­ten den Quellcode einsehen, aber nicht kopieren. Stallman, der die Computer am MIT mit der Symbolics-Software warten sollte, musste mit jeder neuen Innovation Schritt halten. Doch 1982 schloss Symbolics den Code. Fortan schrieb Stallman die neuste Symbolics-Software von Grund auf nach und stellte sie LMI zur Verfü­gung. Wütend auf Symbolics betrieb er dieses reverse engineering in stundenlangen Hacks in der Nacht. Schließlich gab er Symbolics die Schuld daran, das Hackerpa­radies am MIT zerstört zu haben. Bill Gosper, der ebenfalls vom AI-Lab zu Sym­bolics gegangen war, sagte dazu: “I can see something that Stallman wrote, and I decide it was bad (probably not, but somebody could convince me it was bad), and I would still say, ‘But wait a minute — Stallman doesn’t have anybody to argue with all night over there. He’s working alone! It’s incredible anyone could do this alone!’”94 Die Kommerzialisierung und Proprietarisierung war das Ende des Hackerpa­radieses. Die dritte Generation der Hacker war nicht in die Hackerethik hineinge­wachsen und kümmerte sich auch nicht um sie. Ihre Information in Form von Computerprogrammen sollten nicht mehr frei sein. Die ‘Touristen’, wie Stallman sie bezeichnete, da sie das AI-Lab nur sporadisch besuchten und sich nicht seiner Gemeinschaft anschlossen, setzten Copyrights unter ihre Programme.

Stallman hielt an seinen Idealen fest. Sein bis zu der Zeit größter Hack war ein Texteditor. Die Emacs-Lizenz war damit mehr als nur ein Copyright, sie war, wie die Hacker sie selbst nannten, ein Gesellschaftsvertrag.

Der Passus, dass alle Modifikationen ins Projekt zurück gespeist werden müssen, wurde aus einem bestimmten Grund in die Emacs-Lizenz aufgenommen: Er sollte einen ‘Turmbau zu Babel-Effekt’ verhindern. Im AI-Lab machte Stallman häufig die Erfahrung, dass viele Hacker zwar von der Freiheit der Modifikation Gebrauch machten, ihre Modifikation allerdings selten dokumentierten und veröffentlichten. So waren binnen kürzester Zeit mehrere erweiterte Versionen von Emacs im Um­lauf. Jeder der den Editor an einem anderen Rechner nutzen wollte, musste sich zunächst in die Erweiterungen des jeweiligen Emacs einarbeiten, bevor er pro­grammieren konnte. Sein Editor war so erfolgreich, dass Stallman Magnetbänder mit dem Programm für 150 US-Dollar verschickte. Für Software war das zu der Zeit fast ein Selbstkos­tenpreis, lediglich eine kleine Aufwandsentschädigung, da Stallman nach seiner Kündigung beim MIT kein Einkommen mehr hatte. Emacs sollte der erste Grund­stein einer neuen Hackergemeinschaft im Geiste der Hackerethik sein, deren Ziel es ist, ein neues freies Betriebssystem zu schreiben. Dafür startete er 1984 das GNU-Projekt. Angekündigt wurde das Projekt von ihm bereits am 27. September 1983 in der Newsgroup net.unix-wizards: “Starting this Thanksgiving I am going to write a complete Unix-compatible software system called GNU (for Gnu’s not Unix), and give it away free to everyone who can use it. Contributions of time, money, programs and equipment are greatly needed.”95

Der Start zu Thanksgiving verzögerte sich, weshalb das GNU-Projekt offiziell im Januar 1984 startete. Im selben Jahr erschien das GNU Manifesto. In seinem Mani­fest umreißt Stallman den Plan einer virtuellen Gemeinschaft, da seine Gemein­schaft am MIT zugrunde gegangen war. Nun suchte er nach Verbündeten auf der ganzen Welt, oder zumindest in Amerika. Mitten in der Reagan-Ära hatte das Manifest bei vielen Programmierern kaum Erfolg. Die moralische Forderung, seine Arbeit zu verschenken, klang Anfang der 1980er Jahre zu sehr nach Kommunis­mus, und das war etwas aus dem “Reich des Bösen”. Doch es war der erste Ver­such, freie Software zu definieren. Früher hatte der Austausch von Software etwas von Nachbarschaftshilfe gehabt. Erst als diese Nachbarschaftshilfe ausblieb, be­merkten viel Hacker, was sie verloren hatten. Im GNU Manifesto schreibt Stallman: “I consider that the golden rule requires that if I like a program I must share it with other people who like it. Software sellers want to divide the users and conquer them, making each user agree not to share with others. I refuse to brake solidarity with other users in this way.”96

Das GNU Manifesto war zum einen Werbung in eigener Sache, da er weiter schreibt, dass er schon einige Software zur Verfügung hat, und zum anderen ist es eine Kampfansage an die Software-Hersteller. Die ersten Absätze handeln nur von den Software-Tools, die er dem GNU-Projekt zur Verfügung stellt. Moralische Kritik an dem beschriebenen Paradigmenwechsel taucht erst im sechsten Absatz auf. Auch für sein neues Betriebssystem macht er Werbung. Es sollte zu Unix kompatibel sein, obwohl er von Unix nicht gerade begeistert war. Doch er ent­schied sich für das Betriebssystem, weil es sich bewährt hatte und es eine weltweite Unix-Gemeinde gab, die leicht zu GNU wechseln konnte, wenn es zu Unix kom­patibel ist. Außerdem sollte sein Betriebssystem noch mehr Funktionen haben als Unix. Im fünften Absatz erläutert Stallman den Projektnamen GNU: GNU’s Not Unix. Für Stallman ist es außerordentlich wichtig, dass Worte richtig ausgespro­chen werden. Deshalb möchte er, dass GNU mit einem harten G ausgesprochen wird, um eine Verwechselung mit new zu vermeiden.

Sein Ärger beschränkte sich nicht alleine auf AT&T und deren Entschluss, den Quellcode zu schließen. Sie waren dabei nur eine von vielen Firmen. Peter Wayner zitiert Stallman dazu: “’Als ich mich entschloß, ein kostenloses, frei zugängliches Betriebssystem zu schreiben, dachte ich keineswegs an AT&T. Wir hatten nie was miteinander zu tun gehabt. UNIX hatte ich noch nie benutzt. AT&T war nur eines unter vielen Unternehmen, die alle die gleiche üble Masche abzogen’, erzählte mir Stallman kürzlich. ‘Ich habe nur deswegen zu einem UNIX-ähnlichen Design ge­griffen, weil es mir geeignet erschien, und nicht, weil ich besonders innige Gefühle für AT&T hegte.’”97 Mit seinem Manifest wollte er der Welt unmissverständlich klar machen, dass es im GNU-Projekt um Moral, und nicht um Geld geht. Er wollte kein neues Betriebssystem schreiben, um die Lizenzgebühren für Unix zu sparen. Er prangerte die unglaubliche Verschwendung von Arbeitszeit und Materi­al an, die mit der Schließung der Quellcodes einhergeht. Zeit und Material konnten nicht dazu genutzt werden, den technischen Standard von Software voranzu­treiben. Den Quellcode zu schließen ergibt für Programmierer nur Sinn, die damit Geld verdienen wollen. Ein geschlossener Quellcode erleichtert die Arbeit an Pro­grammen nämlich nicht gerade. Wenn sie Anwendungen für Apples oder Mi­crosofts Betriebssystem schreiben, raufen sich Programmierer häufig die Haare, weil ihre Programme nicht so funktionieren, wie sie sollten. Sie stolpern dann meist über einen Programmierfehler oder über eine nicht dokumentierte Funktion im Betriebssystem. Ist der Quellcode offen, können sie nach dem Fehler suchen. Ist er geschlossen, wird ihr Programm vielleicht nie richtig laufen.

Stallman kündigte 1984 seinen Job am MIT, da die Ergebnisse seiner Arbeit an­sonsten der Universität gehört hätten. Die Universitäten in den USA begannen Anfang der 1980er Jahre damit, ein ähnliches Verhalten an den Tag zu legen, wie die Software-Firmen. Deshalb kam eine Sonderbehandlung von Stallman für das MIT nicht in Frage. Wenn das MIT ihn bezahlte, dann gehörten dem MIT auch seine Programme. Da Emacs aber frei bleiben sollte, widersprach das den finanzi­ellen Bedürfnissen der Universität. Er war kein ordentlicher Professor, sondern nur ein kleines Licht, das für das reibungslose Funktionieren der Computer am MIT zu sorgen hatte. Die verschiedenen Institutionen am MIT hatten Sorge, Dritt­mittel für ihre Forschungsprojekte bei Förderinstitutionen einzuwerben. Mit dem Verschenken seiner Software zog Stallman keine Förderer an. Obwohl er für jede Magnetbandkopie 150 US-Dollar verlangte, war das maximal eine Aufwandsent­schädigung. Mit dem GNU-C-Compiler kam der Eckpfeiler des gesamten GNU-Projekts hinzu. Quellcode, der mit Emacs in der beliebten Programmiersprache C geschrieben wurde, konnte nun ohne proprietärer Compiler-Software in Ma­schinencode übersetzt werden. Der GCC ist heute noch einer der besten Compiler, und er ist frei. Zusammen mit Emacs bildete der GCC ein starkes Paar, da mit ih­nen neue Programme und Werkzeuge für das zukünftige Betriebssystem entwickelt werden konnten. Außerdem sorgte der GCC für einen wichtigen Harmonisierungs­effekt: Für welche Computerarchitektur das Programm auch geschrieben worden war, ob nun zum Beispiel für IBM- oder Apple-Computer, es konnte auch auf anderen Computern verwendet werden. Die Freiheit der GCC-Lizenz zog viele neugierige Entwickler und Ingenieure an, die den GCC für ihre Projekte benutzten und verbesserten, so dass er auf noch mehr Prozessoren von weiteren Computer­chip-Herstellern lief. Der GNU-C-Compiler fand seinen Weg von Computer zu Computer und immer war die ganze Palette der anderen GNU-Software mit dabei. Mit der Zeit entstand ein ganzes System freier Software, das mit einem Vertrag abgesichert werden musste, um weitere Raubzüge von Software-Firmen, die pro­prietäre Software entwickeln, zu verhindern.

Freie Software ist nicht gleich freie Software. So fällt Freeware nicht unter freie Software, da Freeware, meist nur das copyright-geschützte Programm ist, das nicht im Quellcode vorliegt und ohne Lizenzbedingungen kostenlos kopierbar ist. Auch Public Domain ist in diesem Sinne keine freie Software, da der Autor auf ein Copy­right verzichtet. Software, die in der Public Domain steht, kann von Dritten wiederum zu proprietärer Software gemacht werden. Das nach der Pro­prietarisierung des Unix von AT&T entstandene Unix der Universität von Kalifor­nien in Berkeley wird unter der Berkeley Software Distribution-Lizenz vertrieben. Das Berkeley-Unix darf mit oder ohne Quellcode, mit oder ohne Modifikationen weiterverbreitet werden, solange der Copyright-Vermerk der Universität und in allen Werbematerialien folgender Satz steht: “Dieses Produkt beinhaltet Software, die von der Universität von Kalifornien in Berkeley und ihren Kontributoren entwickelt wurde.”98 Der Name der Universität und die Namen der Kontributoren dürfen nur mit schriftlicher Genehmigung verwendet werden. Schließlich folgt in der BSD-Lizenz noch der aus proprietären Lizenzen bekannte Passus, in dem alle Garantie- und Haftungsansprüche, die sich aus der Verwendung der Software ergeben könnten, zurückgewiesen werden.

Im Gegensatz dazu wird bei GPL-Software das Urheberrecht der Autoren in An­spruch genommen und zugleich werden spezifische Nutzungsfreiheiten gewährt: Die GNU General Public License gewährt den Nutzern vier Freiheiten, die Stall­man in der Free Software Definition festgehalten hat: “Freedom 0: The freedom to run the program, for any purpose. Freedom 1: The freedom to study how the pro­gram works, and adapt it to your needs. (Access to the source code is a preconditi­on for this.) Freedom 2: The freedom to redistribute copies so you can help your neighbor. Freedom 3: The freedom to improve the program, and release your im­provements to the public, so that the whole community benefits. (Access to the source code is a precondition for this.)”99

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