4.3 Der GPL-Hack

Aus Anarchie der Hacker
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Die Lizenzen freier Software wurden von anderen Hackern nicht als Verpflichtung betrachtet, sondern eher als Ausdruck der Hackerethik. Die meisten solcher Lizen­zen waren eher informell, wie: “Du kannst diese Software solange kopieren, wie du willst, solange du nicht versuchst, Geld damit zu machen, oder behauptest, dass du sie geschrieben hast.” Solche Lizenzen sind zwar ganz im Geiste der Hackerethik verfasst, doch sie haben nichts mit der juristischen Sprache eines Copyrights zu tun. Mit der Emacs-Lizenz hatte Stallman den Geist der Hackerethik in eine Weise abgefasst, die Anwälte und Hacker verstanden. Es dauerte nicht lange und Stall­man wurde gebeten, die Emacs-Lizenz auf andere Programme ‘portierbar’ zu ma­chen. Die Lösung war, alles Spezielle, was Emacs betraf, aus der Lizenz zu entfer­nen und ein Copyright zu verfassen, dass auf jede Software angewandt werden kann und die selben Freiheiten der Emacs-Lizenz enthält. Die GNU General Pu­blic License war geboren. Analog zu Softwareversionen wurde 1989 ihre Version 1.0 freigegeben, die eine Präambel enthielt, welche die politischen Intentionen der Lizenz unterstrich. In der Version 2.0 von 1991 wurde sie noch erweitert: “The li­censes for most software are designed to take away your freedom to share and change it. By contrast, the GNU General Public License is intended to guarantee your freedom to share and change free software — to make sure the software is free for all its users. [...] When we speak of free software, we are referring to freedom, not price. Our General Public Licenses are designed to make sure that you have the freedom to distribute copies of free software [...], that you receive source code or can get it if you want it, that you can change the software or use pieces of it in new free programs; and that you know you can do these things. To protect your rights, we need to make restrictions that forbid anyone to deny you these rights or to ask you to surrender the rights. These restrictions translate to certain responsi­bilities for you if you distribute copies of the software, or if you modify it. For ex­ample, if you distribute copies of such a program, whether gratis or for a fee, you must give the recipients all the rights that you have. You must make sure that they, too, receive or can get the source code. And you must show them these terms so they know their rights.”100

Als die Leute das erste Mal durch das GNU Manifesto von freier Software hörten, waren sie sehr auf das Wort “free” im Sinne von “kostenlos” fixiert. Für diese In­terpretation sorgte auch eine sorglose Formulierung im Manifest. Stallman schreibt dort, dass GNU-Software an jeden frei abgegeben werden kann, der sie benutzten möchte. In einer Fußnote schreibt er in einer späteren Fassung des Manifests, dass diese Formulierung gedankenlos gewesen sei. Gemeint sei damit gewesen, dass der Nutzer nicht für die Erlaubnis, GNU-Software benutzen zu dürfen, bezahlen müsse. Aber viele interpretierten es anders, nämlich dass man GNU-Software umsonst abgeben muss. Dass klang in der Reagan-Ära verdächtig nach Kommunismus. Dabei galt Stallmans Revolution der “freien Rede” und nicht dem “Freibier”.101

Obwohl Stallman in fast allen seinen Reden darauf hinweist, dass GNU-Software nichts mit Freibier zu tun hat, ist dieser Aspekt für den Erfolg von GNU mitver­antwortlich. Jeder konnte die Freiheit von GNU-Software genießen und konnte sie dazu noch mit Freunden und Nachbarn teilen, indem er ihnen Kopien schenkt. Das “Freibier” zog Neugierige an, die nur mal ausprobieren wollten. Sie konnten die Software herunterladen und testen, ohne etwas dafür zahlen zu müssen.

Wer seine Arbeit verschenkt, verdient nichts mit ihr. Damit die Free Software Foundation ein Büro und Angestellte unterhalten konnte, musste sie mit freier Software Geld verdienen. Für 150 US-Dollar verkaufte Stallman ja schon Emacs auf Magnetbändern. Die andere Software wurde auf demselben Weg von der Foundation vertrieben. Mit den Magnetbänder bekamen die Leute gleich eine Ko­pie des Programms, die sie zur Sicherheit und zum Nachschlagen der elektronischen Handbücher verwenden konnten. Wer die elektronischen Handbü­cher lieber als richtiges Buch haben wollte, konnte sie bei der Foundation be­stellen. Die 150 US-Dollar waren für Software in den 1980er Jahren ein sehr geringer Preis. Im Vergleich dazu kostete eine günstige Unix-Lizenz knapp 1000 Dollar. Erst die Preiskämpfe in den 90er Jahren ließen die Preise für Software fallen. Der Verkauf von GNU-Software oder von Dienstleistungen um GNU-Pro­gramme ist kein Problem, solange der Quellcode dabei ist und die Freiheiten des Nutzers gewahrt bleiben. Diese Freiheit besagt eben auch, dass man Kopien des Programms an Freunde und Nachbarn verschenken, oder zu einem günstigeren Preis verkaufen kann. Die Free Software Foundation und die GPL lassen einem dazu freie Hand.

Viele kauften allerdings die Software bei der Foundation, weil ihre Softwareveröf­fentlichungen einen offiziellen Charakter hatten, oder weil sie die Arbeit der Foun­dation finanziell unterstützen wollten. Die MacArthur Foundation unterstützte Stallman selbst fünf Jahre lang mit einem Gehalt, und Intel bot ihm Beraterverträ­ge an, damit GNU-Software auch auf ihren Prozessoren läuft. Die Leute zahlten, damit GNU-Software bei ihnen funktionierte. “Stallman erkannte auch, daß diese Freiheit ein gewisses Maß an Wettbewerb hervorbrachte. Wenn er für seine Kopi­en etwas verlangen konnte, konnten andere das ebenfalls. Der Quellcode war für alle ein wahrer Segen. Und seine Verbreitung würde Unmengen von Leute auf den Plan rufen, die miteinander um den besten Vertrieb kämpften. Für einen angebli­chen Kommunisten klang das ziemlich stark nach Reagan.”102

Die GPL steht als Rechtsdokument für Stallmans besten Hack. Vor allem die poli­tische Intention der Präambel zeigt, dass Stallmans Copyright fremden Systemen nicht mehr ablehnend gegenüberstand. Es war nur noch ein weiteres System, das gehackt und “befreit” werden wollte. Auf der anderen Seite war sein System, die GPL, ein hervorragendes Werkzeug, um den Pool freier Software zu kontrollieren. Die GPL weist gegenüber der Emacs-Lizenz noch eine weitere Änderung auf. Sie verlangt nicht, dass jede Änderung der Software veröffentlicht und an Stallman weitergegeben werden muss. Ist die Änderung für den privaten Gebrauch, muss sie nicht veröffentlicht werden. Doch nicht nur die Verpflichtung, dass jede Ver­änderung veröffentlicht werden muss, sei in der Emacs-Lizenz ein Fehler gewesen, sondern auch: “It was wrong to require them to be sent to one privileged devel­oper. That kind of centralization and privilege for one was not consistent with a society in which all had equal rights.”103 Die GPL war eine sehr sorgfältig verfasste Lizenz. GPL-Software wird nicht einfach der Public Domain zugeschlagen, wo sie gemeinfrei wäre und jeder mit ihr gänzlich machen könnte was er wollte. GPL-Software unterliegt einem Copyright und der Urheberschaft des Autors. Sie ergänzt das Copyright jedoch um ein äußerst liberales Nutzungsrecht. Jeder darf die Software nutzen, wie er will. Nur das Nutzungsrecht Dritter darf nicht eingeschränkt werden.

Als Apple Microsoft verklagte, weil sie angeblich das look and feel ihres Desktops von Apple geklaut hätten, dabei hatten es beide von Xerox-PARC genommen, ent­schied Stallman, keine Software mehr für Apple zu schreiben. Wenn Apple der Idee des Teilens durch einer Klage schaden wolle, dann würde Stallman ihnen nicht beim Verkauf ihrer Rechner helfen. Andere, die aber GNU-Software für den Apple benötigten, schrieben welche oder portierten bereits vorhandene auf den Apple. Mit der GPL hatte Stallman jede Verfügungsgewalt über seine Software aus der Hand gegeben. Seine einzige Kontrolle bestand allein darin, dass sie auch auf Apple-Rechnern frei sein würde. Die GPL wird auch gerne von gegnerischer Seite als “viral” bezeichnet, zum Bei­spiel von Microsofts Vizepräsident Craig Mundie. In seinem Vortrag The Commerci­al Software Model am 3. Mai 2001 vor der New York University Stern School of Business sieht er die GPL sogar als Bedrohung für das geistige Privateigentum von Unternehmen: “The GPL mandates that any software that incorporates source code already licensed under the GPL will itself become subject to the GPL. When the resulting software product is distributed, its creator must make the entire source code base freely available to everyone, at no additional charge. This viral aspect of the GPL poses a threat to the intellectual property of any organization making use of it.”104

Ein Programmierer, der Zeit sparen will, und sich deshalb im Quellcode von GNU-Software bedient, muss seine Software ebenfalls wieder unter die GPL stellen. Im Unterschied zu einem Virus, den man sich meist unfreiwillig einfängt, kann sich jeder Programmierer frei für oder gegen die GPL entscheiden. Niemand zwingt ihn, Quellcode zu benutzen, der unter der GPL steht. Auch innerhalb der Freien-Software-Bewegung sind einige der Meinung, dass die Bedingungen der GPL zu restriktiv seien. Frei bedeutet für diese Hacker, dass alle vorgenommenen Modifikationen auch geheimgehalten werden können. Die meisten Vertreter dieser Position kommen aus dem Umfeld der Universität von Berkeley. Wie bereits erwähnt, ist die BSD-Lizenz eine sehr freie Lizenz, denn sie schreibt nur vor, dass in Werbematerialien und Handbuchseiten die “University of California” dankend erwähnt werden muss. Ansonsten kann jeder mit der Software tun und lassen, was er will: Firmen gründen, den Quellcode schließen, die Software verkaufen oder verschenken. Die Bestimmung der BSD-Lizenz musste 1999 noch einmal gelo­ckert werden, weil viele Gruppen, die Software schrieben, einfach die BSD-Lizenz übernommen hatten, so wie Bill Joy, der das erste BSD-Unix zusammengestellt hatte. Er hatte die Lizenz der Universität von Toronto genommen und “Toronto” einfach mit “California” überklebt. Der Grund für die Modifikation der BSD-Li­zenz lag darin, dass je mehr Gruppen diese Lizenz übernahmen, die Liste der Danksagungen in Werbematerialien und der Dokumentation freier Software immer länger wurde.

Die Anhänger des GNU-Projekts glauben, dass man Programmierer zur Veröf­fentlichung ihres Programms unter der GPL zwingen muss, während die BSD-Sei­te für praktisch unbegrenzte Freiheit ist. Diese Freiheit hat allerdings auch ihren Preis. Unix wurde in den 1970er und 1980er Jahren von Berkeley und AT&T zu­sammen entwickelt. Das hatte zur Folge, dass sich AT&T mit der Arbeitskraft von Professoren, Studenten und Doktoranden vollsaugen konnte, ohne sie dafür ange­messen zu bezahlen. Auf ihre Kosten machte AT&T mit Unix einen unglaublichen Profit. Aus diesem Grund gefiel Stallman die BSD-Lizenz auch nicht. Firmen konnten sich die harte Arbeit von Leuten aneignen, ohne dafür einen Cent zu be­zahlen. Microsoft ist durch solche Raubzüge zu einer der reichsten Firmen ge­worden. Daher soll die GPL dafür sorgen, dass freie Software frei bleibt.

Die wichtigste Trennlinie in der Freien-Software-Bewegung verläuft wohl zwischen den Anhängern von BSD- und GPL-Lizenzen. Ob ein Software-Projekt die GPL- oder die BSD-Lizenz haben soll, kann am Anfang des Projekts eine große Streit­frage sein. Entscheidet man sich für die BSD-Lizenz, gibt man anderen die Möglichkeit, kommerzielle Versionen aus der eigenen Arbeit zu entwickeln. Ent­scheidet man sich für die GPL, ist jeder verpflichtet, Quellcode in das Projekt zu­rück fließen zu lassen. Peter Wayner schreibt über diesen Streit: “Wer sich der GPL anschließt, hat wahrscheinlich auch weniger Probleme mit Richard Stallman, oder sieht zumindest davon ab, öffentlich über ihn herzuziehen. GPL-Anhänger neigen zur individualistischen Bilderstürmerei, halten die eigenen Projekte für ziemlich kultig und werden von einer merkwürdigen Mischung aus persönlicher Überzeugung und ‘Was-bin-ich-doch-für-ein-cooler-Typ’-Hysterie angetrieben. Anhänger von BSD-Lizenzen machen dagegen einen eher pragmatischen, organisierten und konzentrierten Eindruck.”105

Die BSD-Anhänger treiben kaum einen Kult um ihre Lizenz. Meist streichen sie nur die Freiheit ihrer BSD-Lizenz gegenüber der GPL-Lizenz heraus. Sie haben auch keine Coverstars wie Richard Stallman oder Linus Torvalds, dem Erfinder von Linux. Von der Presse werden die BSD-Projekte deshalb auch meist ignoriert. Stallmans Kreuzzug zur Befreiung des Quellcodes können BSD-Anhänger deshalb nicht viel abgewinnen.

Ab 1989 erschienen immer mehr Programme unter der GPL. Bruce Perens, Mit­glied der Free Software Foundation bemerkte dazu: “I think the very existence of the GPL inspired people to think through whether they were making free software, and how they would license it”.106 Die GPL gab der Freien-Software-Bewegung ein Selbstbewusstsein über ihr Handeln. Sie kooperierten weltweit zusammen für ein System freier Software und die GPL wurde als ihr Gesellschaftsvertrag107 betrach­tet. Die FSF und ihre Anwälte, wie der Rechtsprofessor an der Columbia Universi­tät, Eben Moglen, intervenierten in das Copyright- und Vertragsrecht für geistiges Eigentum, und schafften mit der GPL etwas, zu dem proprietäre Lizenzen nicht in der Lage sind — eine Gemeinschaft. Die Freiheit der Hackerethik, die in früheren Hackergemeinschaften selbstverständlich gewesen war, wurde mit der GPL als Gesellschaftsvertrag festgehalten, in dem sich die Hacker ihre Freiheit bewußt ma­chen. Schließlich, so Stallman, soll das GNU-Projekt einen Blick weit über Softwa­re hinaus eröffnen. “Der Kern des GNU-Projekts ist die Vorstellung von freier Software als soziale, ethische, politische Frage. Kurzum: Wie soll die Gesellschaft beschaffen sein, in der wir leben wollen?”108

Was dieser Gemeinschaft aber 1990 immer noch dringend fehlte, war ein Betriebs­systemkern. Viele wichtige Programme zum Betrieb eines Computers waren bereits geschrieben, so dass sich der Fokus der Programmierer bereits auf Anwendersoft­ware, wie z.B. Tabellenkalkulationsprogramme, richten konnte. Nur wurde mit dem Betriebssystemkern noch der wesentliche Bestandteil des Systems freier Soft­ware vermisst, nämlich das Programm, das dem Computer sagt, wie er einen Bild­schirm zu betreiben hat, die Eingaben von Tastatur und Maus verarbeiten und Da­teien verwalten soll. Die Entwicklung des Kernels stellte sich als schwieriger heraus als gedacht. Erste Kritiker des GNU-Projekts wie Eric S. Raymond meldeten sich zu Wort. “The FSF got arrogant [...]. They moved away from the goal of doing a production-ready operating system to doing operating-system research.”109 Als um 1993 klar wurde, dass das GNU-Projekt innerhalb der nächsten Jahre keinen funktionierenden Kernel herausbringen würde, drohten viele Mitstreiter sich vom GNU-Projekt abzuwenden.

Als der finnische Informatikstudent Linus Torvalds 1991 einen funktionierenden und vor allem freien Betriebssystemkern unter der GPL veröffentlichte, war nicht der Betriebssystemkern an sich unbedingt so beeindruckend, auch wenn er eine großartige Leistung war, sondern sein Entwicklungsmodell. Linux hatte mehrere notwendige Voraussetzungen für seinen Erfolg: Darunter die Freiheit, die vielen Werkzeuge des GNU-Projekts benutzen zu können, die Kooperation mit Tausenden an Linux interessierten Programmierern über das Internet, und die GPL. Jeder, der an Linux mitarbeitet, weiß, dass seine Arbeit für immer der Allge­meinheit gehören wird.

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