4 Freie-Software-Bewegung

Aus Anarchie der Hacker
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Eines Tages im Jahr 1971 hörte Stallman von einem speziellem Labor im neunten Stock eines Gebäudes am Tech Square, zwei Meilen von Harvard entfernt, und er entschied sich für einen Besuch. Obwohl das Artificial Intelligence Laboratory (AI-Lab) nur zehn Minuten mit der Bahn von Harvard entfernt war, kam es Stallman wie eine ganz andere Welt vor, wie der extreme Gegenpol zum autoritären In­formatikinstitut in Harvard. Lauter Highschool-Außenseiter, Nerds, wie er selbst einer war, machten die interessantesten Sachen an Computerterminals, zu denen jeder Zugriff hatte. Keine graduierten Studenten, die eifersüchtig über jeden Terminal wachten, keine Wartelisten für Rechenzeit. Jeder durfte sich an jedes Terminal setzen und loslegen. Es war der Anfang der letzten Dekade des Hacker­paradieses am MIT, und Stallman verließ an diesem Tag den Tech Square mit einem Job am AI-Lab in der Tasche und dem Bewusstsein, dass er auch ein Ha­cker war.

Die Freie-Software-Bewegung hat dem Massachusetts Institute of Technology eine Menge zu verdanken. Seit 1971 war Stallman am MIT beschäftigt und er trat 1984 mit dem GNU Manifesto eine Revolution für die freie Software los. Stallman ist nicht der Urheber der Idee, dass Software frei sein muss. Die Idee stammt aus der akademischen Tradition. Wissenschaftliche Freiheit und Kooperation waren zu Beginn der Informatik die einzige Möglichkeit, überhaupt etwas auf den Rechnern zustande zu bringen. Mit dem PC kam diese Tradition Anfang der 1980er Jahre unter die Räder, obwohl es in den Universitäten noch heute so ist, dass mit Pro­grammen und ihrem Quellcode relativ großzügig verfahren wird. Es ist das Ideal der wissenschaftlichen Arbeitsteilung, nach dem andere die veröffentlichten For­schungsergebnisse lesen, überdenken, kritisieren und weiterführen können. Nur war dieses Ideal nicht mehr selbstverständlich. Informatiker schlossen Geheim­haltungsabkommen mit Unternehmen ab, mit deren Drittmittel sie forschten. Die meisten Anwender der neuen PCs wollten Programme, die funktionierten. Der Quellcode interessierte viele Anwender herzlich wenig. Da er für den Kunden häufig keinen Gebrauchswert darstellte, brauchten die Softwareproduzenten ihn nicht mehr mitzuliefern, und konnten dadurch gleichzeitig die Konkurrenz vom Quellcode ausschließen.

Das GNU Manifesto war die radikalste Kritik am Wechsel zu proprietärer Software. Viele Programmierer lehnten das Manifest ab, weil sie dachten, dass die Ideale der Hackerethik einer untergegangenen Hippie-Ära angehören und so gar nicht zur Reagan-Ära passen würden. Andere schlugen sich entschieden auf Stallmans Seite und bereicherten das GNU-Projekt mit Software. Was den Hackern Anfang der 1980er Jahren Sorgen machte, war nicht der Ge­schäfts-Deal zwischen Microsoft und IBM, mit dem Microsoft zum Software-Monopol und zur Nummer 1 der Computerbranche werden würde, sondern die Schließung des Quellcodes eines sehr beliebten Betriebssystems — Unix.

Unix wurde in den Versuchslaboren der us-amerikanischen Telefongesellschaft AT&T Anfang der 1970er Jahre entwickelt. Vor allem in Universitäten und For­schungslaboren wurde es gerne eingesetzt, weil es leistungsstark und quelloffen war. Seine Quelloffenheit lag zu einem großen Teil daran, dass AT&T ein Mono­pol auf Telefondienstleistungen hatte und deshalb Software nicht verkaufen durfte. Unix war nur ein akademisches Experiment, um die nächste Generation von Tele­fonschaltzentralen besser steuern zu können. Als die Telefongesellschaft 1984 in mehrere Unternehmen aufgeteilt wurde, überlegte man sich in der Vorstandsetage, wie man aus Unix nach dem Ende des Monopols Profit schlagen könnte. Der Quellcode wurde geschlossen und Unix war nur noch gegen Abschluss proprietä­rer Lizenzverträge erhältlich. Die Unix-Nutzer an den Universitäten mussten Ge­heimhaltungsabkommen abschließen.

Diese Kontrolle geistigen Eigentums versetzte in Stallmans Augen der großartigen Tradition des Teilens in den Computerlaboren den Todesstoß. Viele sahen die Entscheidung von AT&T pragmatischer: Schließlich hatte AT&T die Universitäten jahrzehntelang mit Drittmitteln unterstützt. Jetzt sei es an der Zeit, dass die Uni­versitäten AT&T etwas davon zurückgeben.

Stallmans Sicht war radikaler. Er wollte ein System freier Software, das besser als Unix ist, damit die Unix-Gemeinde leicht zur freien Software wechseln kann. Deshalb nannte er seine Arbeit GNU, ein rekursives Akronym für “GNU’s Not Unix”. Ziel des GNU-Projekts ist es seit dem, ein vollständig freies und funktions­tüchtiges Betriebssystem zu entwickeln. Die Schließung des Unix-Quellcodes rief auch Leute an der Universität von Berkeley auf den Plan. Der Doktorand Bill Joy, der später die Firma Sun Microsystems gründete, stellte 1977 die erste Berkeley Software Distribution (BSD) zusammen, aus der später das erste freie Unix von Keith Bostic und seinen Mitstreitern entstand. Anders als Stallman hatten sie nicht die Idee von einem System freier Software, sondern sahen es als selbstverständlich an, dass Software, die an Universitäten entwickelt wird, der Allgemeinheit gehören sollte, da Studenten und Doktoranden meist unentgeltlich daran arbeiten und Professoren von Steuergeldern bezahlt werden. Das BSD-Unix erschien unter einer sehr freien Lizenz. Jeder darf mit der Software machen, was er will, man darf sie auch als proprietäre Software verkaufen, es muss nur die Universität von Ber­keley in Werbematerialien und im Programm selbst dankend erwähnt werden. In der Freien-Software-Bewegung bilden die Vertreter der BSD-Lizenz eine radikale Strömung, da sie an der GPL kritisieren, dass GPL-Code immer GPL-Code bleiben muss, und man deshalb nicht wirklich frei über den Quellcode entscheiden kann. Sie halten die GPL für anti-liberal. Nur ihre BSD-Lizenz sei wirklich frei.

Das Wort “free” hat im Englischen eine doppelte Bedeutung, die das deutsche Wort ‘frei’ nicht hat: Es bedeutet zugleich kostenlos und frei. In der Bedeutung als “kostenlose Dreingabe” hat es zu Marketingzwecken meist Erfolg. Auch Microsoft weiß den Wert von Gratisdreingaben zu schätzen. Wenn es gilt, einen Konkur­renten vom Markt zu verdrängen, wird das entsprechende Programm einfach um­sonst mit zu Windows dazu gegeben, wie der Internet Explorer oder der Windows Media Player. Innerhalb der Freien-Software-Bewegung hat das Wort “free” eine kompliziertere Bedeutung, weil es kein Marketingtrick ist, und auch nicht heißen soll, dass freie Software umsonst ist. Es bedeutet die Freiheit, die Software beliebig zu modifizieren und beliebig damit umzugehen.

Mit der Gründung des GNU-Projekts beginnt Stallmans Kreuzzug für freie Soft­ware. Die Freiheit, die vorher nur in der Hackerethik kodifiziert war, wurde nun in einem Vertrag zwischen dem Autor und dem Nutzer rechtsverbindlich festgehal­ten, zuerst in der Emacs-Lizenz, später in der GNU General Public License. Die ersten Werkzeuge des GNU-Projekts sind Stallmans Texteditor Emacs und der GNU-C-Compiler (GCC). Die wohl beiden wichtigsten und grundlegendsten Werkzeuge für Programmierer, um Programme herzustellen. Mit dem Emacs wird der Quellcode eines Programms geschrieben, und mit dem GCC der Quellcode in Maschinencode übersetzt. Sie waren die ersten beiden Programme — tools to making tools — um einen umfassenden, geschützten Pool freier Software zu errichten. Um die Programme aufgrund der starken Nachfrage besser über den Postweg ver­kaufen zu können, wie den Emacs-Editor für 150 US-Dollar, wurde 1985 die ge­meinnützige Free Software Foundation (FSF) gegründet. Mit Geld- und Sach­spenden und aus den Erlösen von verkaufter Software und Handbüchern bezahlte die Foundation Entwickler, um weitere für das neue Betriebssystem dringend be­nötigte Programme zu schreiben. GNU ist mehr als nur ein Sammelbecken für freie Software. Es ist ein System freier Software, das nach und nach jede proprietä­re Software ersetzen soll, damit kein GNU-Programm weiter auf proprietäre Soft­ware angewiesen ist. Am Anfang von GNU stand, wie Sam Williams in Free as in Freedom schreibt, ein trojanisches Pferd — ein Laserdrucker von Xerox als Ge­schenk für das AI-Lab.89

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