5.1 Vom Hobby …

Aus Anarchie der Hacker
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Vor der Entwicklung von Linux durch Torvalds stand ein anderes Betriebssystem. Ein Unix-Klon namens Minix für Intel-kompatible PCs. Es wurde 1987 von dem Informatikprofessor Andrew Tanenbaum an der Universität von Amsterdam entworfen, um Informatikstudenten die Entwicklung von Betriebssystemen zu demonstrieren. Zwar hatte Microsoft mit MS-DOS schon seinen Siegeszug zu­sammen mit den Prozessoren von Intel angetreten, doch im wissenschaftlichen Bereich triumphierte immer noch Unix. Die Entwicklung von Minix konnten die Studenten bereits im Internet in der Newsgroup comp.os.minix mitverfolgen. Im Gegensatz zum später entwickelten Linux, arbeitete fast ausschließlich Tanenbaum in seiner Freizeit an dem Projekt. Unter den mehr als 50 000 Anwendern befand sich auch Linus Torvalds. Ein großer Nachteil von Minix — jenseits von seinen technischen Mängeln — war allerdings, dass der Quellcode nicht frei erhältlich war und 150 US-Dollar gekostet hätte. Den selben Preis hätte Torvalds zwar auch für ein Magnetband mit Stallmans Emacs bezahlt, doch anders als Minix konnte man Emacs auch aus dem Internet herunterladen. Torvalds konnte Minix nicht einfach nehmen und ausprobieren. Das ist eine der Beschränkungen, die mit der GPL be­seitigt werden sollen.

Also begann Torvalds 1991 mit seiner Arbeit an einem unixartigen Betriebssystem­kern, der die neuen Möglichkeiten seines frisch angeschafften Intel-Rechners voll­ständig ausnutzen sollte. Er sollte nichts Besonderes werden und weder gegen AT&T noch gegen Microsoft konkurrieren. Linux war ein unterhaltsames Expe­riment, ein Spielzeug, das nur ihm allein gehörte, über das er die Kontrolle hatte. Am 3. Juli fragte er in der Minix-News-Group comp.os.minix nach den Unix-Stan­darddefinitionen, und kaum hatte er angefangen Linux zu schreiben, fragte er be­reits am 25. August 1991, was die Leute am liebsten in Minix hätten, damit er es in seinem Betriebssystem einbauen konnte: “Hallo an alle, die dort draußen Minix verwenden — ich arbeite an einem (frei zugänglichen) Betriebssystem (nur so als Hobby, wird nicht groß und professionell wie GNU sein) für 386er (486er) AT-Kompatible. Die Sache ist seit April am köcheln und nimmt allmählich Formen an. Ich hätte gerne ein Feedback über die Dinge, die euch an Minix gefallen/nicht gefallen, da mein Betriebssystem gewisse Ähnlichkeiten dazu aufweist [...].”113

Kaum ein halbes Jahr nach seinem ersten Posting im Juli hatte er bereits ein funktionstüchtiges Betriebssystem entwickelt, da er den Vorteil hatte, auf den Quellcode des GNU-Projekts zurückgreifen zu können. Vor allem die GNU-Pro­gramme machten Linux erst zu einem vollwertigen Betriebssystem. Daher beharrte Stallman darauf, dass es vollständig GNU/Linux heißen soll, allerdings mehr, wie er sagt, um die Einheit von GNU und Linux zu demonstrieren, als Werbung für das GNU-Projekt zu machen.114 Torvalds stellte Linux unter die GPL, da die Werkzeuge des GNU-Projekts wertvolle Dienste für Linux geleistet hatten. Er stand auf den Schultern von Riesen: “Um Linux nutzbar zu machen, hatte ich mich auf eine Menge Tools verlassen, die frei über das Internet verteilt worden waren — ich hatte mich auf die Schultern von Giganten gehievt. Das wichtigste dieser frei zugänglichen Programme war der GCC-Compiler gewesen. Das Urheberrecht an ihm wurde nach der General Public License geschützt, die weltweit als die GPL (oder das ‘Copyleft’) bekannt und ein geistiges Produkt von Richard Stallman ist. Nach den Begriffen der GPL ist Geld nicht das Thema. Du kannst eine Millionen Dollar verlangen, wenn du jemanden findest, der sie dir zahlt. Aber du musst den Quellcode verfügbar machen. Und die Person, der du den Quellcode gibst oder verkaufst, muss alle Rechte besitzen, die auch du besitzt. Es ist ein brillantes Kon­zept. [...] Deshalb verwarf ich mein altes Copyright und übernahm die GPL, ein Dokument, das Stallman verfasst und von Anwälten hatte überprüfen lassen.”115 Linux an sich ist nur der Kern des ganzen Betriebssystems. Die übrige Software, wie Desktop, Webbrowser, Spiele, Druckprogramme sind von anderen ge­schrieben worden. Der Kernel ist für den reibungslosen Datenfluss zwischen Fest­platten, Arbeitsspeicher, Drucker, Bildschirm und übrigen Geräten zuständig. Pe­ter Wayner vergleicht einen gut geschriebenen Betriebssystem-Kernel mit einem Luxushotel: “Die Gäste checken ein, bekommen ein Zimmer und können bei einem tadellos funktionierenden Dienstpersonal alles bestellen, was sie brauchen. Benötigen sie für diese Aufgabe noch mal 10 MB Festplattenspeicher zusätzlich? Kein Problem, Sir. Sofort, Sir. Haben wir gleich. Im Idealfall bekommt die Softwa­re nicht einmal mit, daß im Nebenraum noch ein anderes Programm läuft. Da könnte ein MP3-Player ein dröhnendes Rockkonzert abspielen — man würde es noch nicht einmal dann bemerken, wenn das eigene Zimmer unter dem Lärm zusammenbrechen würde. Der Hotelbetrieb liefe einfach ungestört weiter.”116

Der Anwender bekommt vom Kernel in der Regel gar nichts mit, es sei denn, es läuft irgendetwas unglaublich schief. Dann sieht er bei Windows zum Beispiel einen blauen Bildschirm, der von Hackern auch ‘Blue Screen of Death’ genannt wird. Einer der größten Erfolge von Microsoft ist, dass die Anwender das einfach so hinnehmen, oder es für ihre Schuld halten, dass sie irgendetwas falsch gemacht haben. Dabei hat der Kernel vielleicht einen Fehler. Aufgrund von einem Pro­grammierfehler können zum Beispiel Windows 95 und 98 nach genau 49,7 Tagen ununterbrochenen Betrieb abstürzen.117

Ab 1992 war Linux nicht mehr einfach nur ein Hobby. Viele namhafte Program­mierer hatten Linux installiert und begannen, daran mitzuarbeiten, da es gratis und relativ brauchbar war. Es funktionierte mit vielen GNU-Programmen, weshalb sie ein gutes Stück Software hatten, mit dem es sich zu experimentieren lohnte. Einer dieser Programmierer war Eric S. Raymond. Er hatte sich von der Freien-Softwa­re-Bewegung abgewendet, weil ihm der Führungsstil von Stallman im GNU-Pro­jekt zu dominant war. Von Linux, aber vor allem von der Linux-Gemeinde, war er von Anfang an begeistert: “Tatsächlich glaube ich, dass Linus’ cleverster und er­folgreichster Hack nicht der Entwurf des Linux-Kernels selbst war, sondern viel­mehr seine Erfindung des Linux-Entwicklungsmodells”.118

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