5.2 … zur Bewegung

Aus Anarchie der Hacker
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Weil Torvalds die Kontrolle über Linux abgab, lag schon wenige Monate, nachdem er mit dem Programmieren begonnen hatte, ein stabiler Betriebssystemkern vor, der von einer wachsenden Gemeinde von Hackern im Internet veröffentlicht wurde. Da sie mit dem Kernel allein nichts anfangen konnten, nutzten sie die Werkzeuge des GNU-Projekts. Die GPL sicherte die Freiheit von Linux. Die Ent­scheidung, Linux unter die GPL zu stellen, war eine der wichtigsten Entschei­dungen für das ganze Projekt. Sie versprach jedem, der Linux auch nur ein paar Minuten seiner Zeit opferte, dass das Ergebnis seiner Arbeit für immer frei zu­gänglich ist. Für die wachsende Linux-Gemeinde bleibt die GPL aber ein zwei­schneidiges Schwert. Zwar konnte jeder Linux kostenlos nehmen, musste aber jede Änderung ins Projekt zurück speisen, wenn er sein eigenes Linux veröffentlichen wollte. Jeder Programmierer bliebe in dem Fall an seinem Linux kleben. Er ist dafür verantwortlich, wenn er es veröffentlicht. Die vielen Anwender, die sein Linux ausprobieren würden, würden ihn mit Fragen bombardieren, wenn etwas nicht so funktioniert, wie es sollte. Das ist auch der Grund, warum Linux sich nicht so leicht in mehrere verschiedene Linux-Projekte aufspalten kann: Stößt jemand ein neues Linux an, kann er sein Leben lang für das Projekt verantwortlich sein. Bringt jemand eine neue Linux-Version in Umlauf, muss er auch den Quellcode veröffentlichen.

Die Linux-Entwickler empfanden die GPL als positiv. Durch sie wurden sie zu vollwertigen Partnern im Linux-Projekt, zu gleichberechtigten Mitgliedern einer Gemeinschaft. Jeder konnte Zeit und Arbeit in das Projekt investieren und sich si­chern sein, dass die Arbeitszeit nicht zum Fenster hinausgeworfen ist. Linux wurde zu einem Projekt, für das sich alle gemeinschaftlich verantwortlich fühlten. Keiner würde je allein vollständige Kontrolle über Linux erlangen können. “Diese Freiheit wirkte anziehend. Linux-Hacker wussten, daß ihnen niemand ihr Programm wegnehmen konnte. Sie konnten nette Features schreiben und sich in den Linux-Kernel einklinken, ohne Angst haben zu müssen, daß Torvalds ihnen den Teppich unter den Füßen wegzog. Die GPL war ein Vertrag, der auch in einer fernen Zu­kunft noch Gültigkeit besaß. Er war ein Versprechen, das sie zusammenschweiß­te.”119

In dieser Gemeinschaft etablierte sich ein Entwicklungsmodell unter der Autorität von Torvalds als, so Raymond, sanften Diktator. Raymond vergleicht ihn in sei­nem Essay The Cathedral and the Bazaar120 aber auch mit dem Gastgeber einer Dinnerparty. Die einzelnen Gäste der Linux-Party sind als Entwickler für Teilbe­reiche des Kernels zuständig, doch das letzte Wort darüber, was in die nächste Veröffentlichung des Kernels aufgenommen wird, hat Torvalds. Den Projektlei­tern — oder Maintainern — arbeitet eine große Menge von Leuten zu. Sie testen den neusten Kernel, melden Fehler oder beheben sie, indem sie einen Codeschnipsel zur Fehlerbehebung, einen sogenannten Patch, an ihren Maintainer schicken und fügen auf die selbe Art auch weitere Funktionen hinzu. Der Maintainer testet den Patch. Wenn er gut ist, entscheidet zu guter Letzt Linus Torvalds darüber, ob der Patch in den Linux-Quellcode aufgenommen wird oder nicht.

Die Distribution erfolgte zunächst über das Internet. Jeder konnte — und kann es auch heute noch — sich den aktuellen Kernel herunterladen. Ab 1993 kamen Disketten hinzu und kurz darauf CD-Roms. Um Linux herum entwickelten sich spezielle Softwarefirmen, die Distributoren, die den neusten Kernel nehmen, Soft­warewerkzeuge und Anwendungen hinzufügen und als komplettes Betriebssystem vertreiben. In einem weiteren Essay, The Magic Cauldron, nennt Raymond das: “Give away the recipe, open a Restaurant.”121 Die Software, die Linux-Distributo­ren wie SuSE oder Red Hat vertreiben, ist so frei wie das Rezept für ein gutes Me­nü. In einem Restaurant wird kein Geld für das Rezept genommen, dessen Resultat man soeben verspeist hat, sondern für die Zubereitung durch den Küchenchef, die aufmerksame Bedienung durch den Kellner und das lauschige Ambiente. Man be­zahlt die Arbeitskraft des Personals, für die Zutaten, Strom, Wasser und so weiter. Der Preis für GNU/Linux in der Software-Schachtel, die man im Laden kaufen kann, richtet sich nach der Produktion von CD-Roms, Handbüchern und dem In­stallationssupport. “This also is what Red Hat and other Linux distributers do. What they are actually selling is not the software, the bits itself, but the value added by assembling and testing a running operating system that is warranted (if only im­plicitly) to be merchantable and to be plug-compatible with other operating sys­tems carrying the same brand. Other elements of their value proposition include free installation support and the provision of options for continuing support con­tracts.”122

Wie das GNU-Projekt kam auch Linux aus den Universitäten. Neben Torvalds be­teiligten sich Tausende von Studenten und Akademikern an der Konstruktion des Kernels. Es war eine praktische Kritik, oder wie Lee Felsenstein gesagt hätte, eine ‘Propaganda der Tat’ gegen die Schließung frei zirkulierenden Wissens. Ohne Stall­man, ohne GNU, ohne die GPL und ohne die Frei-Software-Bewegung wäre der Erfolg von Linux nicht möglich gewesen. Statt weltweiten Ruhm wäre es das Hob­by eines finnischen Informatikstudenten geblieben.123 Für die Freie-Software-Be­wegung schloss Linux aber auch eine kritische Lücke. Mit Linux wurde jedem der ‘lizenzfreie’ Betrieb eines Computers unter den Bedingungen der GPL ermöglicht. Das GNU-Projekt hatte einen wichtigen Schritt gemacht. Es hatte den Tag er­reicht, von dem Stallman schon lange geträumt hatte.

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