5 GNU/Linux

Aus Anarchie der Hacker
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Microsoft wurde 1998 vom amerikanischen Justizministerium wegen Monopolbil­dung verklagt und beschuldigt, den Wettbewerb zu behindern. Selbstverständlich stritt Microsoft das ab und behauptete dagegen, dass sie lediglich eine extrem wett­bewerbsfähige Firma seien. Die Leute würde ihre Produkte kaufen, weil es eben die besten seien. Um zu beweisen, welcher Konkurrenz sie ausgesetzt sind, riefen sie im Januar 1999 Richard Schmalensee in den Zeugenstand.110 Der Dekan an der Sloan School of Management am MIT sagte aus, dass neben Apple und dem kleinen Softwareunternehmen Be Inc., die damals zusammen auf einen Marktanteil von vielleicht fünf Prozent kamen, einer der größten Konkurrenten von Microsoft das freie Betriebssystem GNU/Linux sei. Dabei halten die meisten Leute, wenn sie nicht gerade aus dem Umfeld der Computer-Branche kommen, das Betriebssystem für eine merkwürdige Software für Hacker- und Bastler, mit dem sie nicht viel anfangen können. Um GNU/Linux herum haben sich aber viele seriöse Unter­nehmen gegründet, die Installations- und Produktsupport und eine breite Palette an Büroanwendungen, Musik-, Video-, Graphik- oder Internetprogrammen an­bieten. Mit Linux ist GNU endgültig auf dem freien Markt angekommen.

Allein im Server-Bereich hatte das Betriebssystem kombiniert mit dem freien Web-Server Apache recht bald einen Marktanteil von über 50 Prozent. Für den Erfolg von Linux waren vor allem drei Faktoren ausschlaggebend: Seine Lizenz, das Inter­net und die Klage von AT&T gegen das freie BSD-Unix, die über ein Jahr lang jede Weiterentwicklung an dem freien Unix behinderte. Die Lizenz von Linux ist die GPL. So konnte Linux kooperativ über das Internet entwickelt werden. Kein Entwickler musste Angst haben, dass er um die Früchte seiner Arbeit betrogen wird, weil die Früchte allen gehörten.

Torvalds Entscheidung, den Quellcode von Linux zu veröffentlichen, war 1991 radikal wie pragmatisch: Er war zu der Zeit ein Informatikstudent, der sich nur mit größter Mühe einen eigenen Computer leisten konnte. Seine Leidenschaft für Be­triebssysteme wurde geweckt, weil er sich für das Herz eines Computers inter­essierte, den Prozessor. Den kann man am besten mit einem offenen Betriebssys­tem erforschen. Das war 1991 allerdings noch Mangelware, denn der Quellcode von Minix war teuer und vom amerikanischen BSD-Unix, das zudem zu der Zeit von AT&T verklagt wurde, wusste Torvalds in Helsinki nichts. Also schrieb er selbst ein Betriebssystem und veröffentlichte es gratis im Internet. Etwas umsonst zu bekommen, kann ein ziemlicher Anreiz dazu sein, es einfach mal auszuprobieren. Deshalb wurde der Quellcode von anderen schnell gelesen, kommentiert und verbessert. In kürzester Zeit entstand eine ganze Gruppe von Hackern, die ihr eigenes Betriebssystem schrieben. Zusammengehalten wurden sie über Mailing-Listen, über die sie diskutierten und Quellcode austauschten. Die Leute, die Linux für sich entdeckten, waren Hacker, Studenten, Informatiker, gut bezahlte Programmierer, einfache Hobby-Programmierer oder interessierte Anwender. Einige berichteten nur von Fehlern, andere behoben sie und wieder andere fügten neue Funktionen hinzu, so dass mit der Zeit ein vollständiges Betriebssystem entstand, das heute auf Millionen Computern weltweit benutzt wird.

Dabei ist Linux nur der innerste Kern des Betriebssystems. Um Linux herum gibt es Tausende von Programmen, die aus Linux erst ein vollständiges Betriebssystem machen. Bis 1997 hat Stallman Linux ignoriert, weil das GNU-Projekt einen eigenen Betriebssystemkern zu entwickeln versuchte, der allerdings bis heute auf sich warten lässt. Da Linux hauptsächlich mit den Werkzeugen des GNU-Projekts läuft, schlug Stallman vor, das Betriebssystem GNU/Linux zu nennen.

Der Journalist Peter Wayner sieht in seinem Buch Kostenlos und Überlegen! Wie Linux und andere freie Software Microsoft das Fürchten lehren die Konkurrenz zwischen Linux und Microsoft, oder Open Source und proprietärer Software als Konkurrenz zwi­schen Hackern, die er als Freaks bezeichnet und Managern oder Konzernbosse, die er als Krawattenträger sieht. “Normalerweise bedrohen diese Kämpfe zwischen Krawattenträgern und Freaks die etablierte Ordnung nicht. Überall auf der Welt bauen Studenten Solarautos zusammen, ohne dass sie den Ölkonzernen oder der Autoindustrie damit gefährlich werden könnten. Auch wenn das New Yorker Restaurant ’21′ einen großartigeren Hamburger macht, wird es McDonalds damit nicht aus dem Geschäft drängen. Weder Bastler noch Perfektionisten schlagen sich gewöhnlich mit Unternehmen die Köpfe ein, deren Profite von ihrer weltweiten Vormachtstellung abhängen. Außer wenn es um Software geht.”111

Denn wenn Software erst einmal geschrieben ist, kostet es so gut wie nichts, sie beliebig oft zu kopieren. Die Krawattenträger verkörpern für Wayner das neue Amerika, das den Bezug zu seinen Wurzeln verloren hat. In den Anarcho-Freaks der freien Software, sieht er die Hoffnung des alten Amerikas: “Die Leute der Freeware-Welt haben Spaß an ihrer Unabhängigkeit. Sie suchen nach dem ursprünglichen American Dream of Life, sind auf der Suche nach Freiheit und Glück. Die Gründerväter der USA waren nicht angetreten, ein wohlhabendes Land zu schaffen, in dem die Bürger ihre Tage mit Grübeleien darüber zubrachten, ob sie sich ein paar neue Sportgeräte leisten könnten, wenn die Aktienbezugsrechte vergeben wurden. Sie wollten ihrer Nachwelt lediglich die Segnung der bürgerli­chen Freiheit sichern. Der Wohlstand kam ganz von selbst.”112 Mit Wayner haben wir die Verknüpfung zwischen kalifornischer Ideologie und Freier-Software-Bewe­gung: Es ist der unbedingte Glaube an den Fortschritt. Computer werden das Leben zum Besseren wenden, dann kommt der Wohlstand ganz von selbst, was soviel heißt wie, dass ‘alle gut drauf und reich sein werden’.

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