6.1 Die Kathedrale und der Basar

Aus Anarchie der Hacker
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Frederick P. Brooks stellt in seinem 1975 erschienen Buch The Mythical Man-Month: Essays on software engineering125 ein Gesetz auf, nachdem sich jedes Softwareprojekt verzögere, je mehr Entwickler an dem Projekt beteiligt seien. Wie viele Hacker glaubte auch Raymond als ehemaliges Mitglied des GNU-Projekts, dass viele Kö­che den Brei verderben würden und nach dem Brook’schen Gesetz ein Software-Projekt davon profitiere, wenn nur wenige an ihm beteiligt seien. Auch die Softwa­re-Projekte des GNU-Projekts bestehen nach diesem Gesetz aus nur wenigen Entwicklern. Zu Raymonds Erstaunen bewies Torvalds das genaue Gegenteil: Je mehr Hacker er einlud, im Linux-Projekt mitzumachen, desto besser wurde Linux. Raymond schrieb seine Beobachtungen in dem Aufsatz The Cathedral and the Bazaar nieder, indem er die unterschiedlichen Stile in der Leitung von GNU-Projekten mit dem Linux-Projekt kontrastierte. Den Aufsatz entwickelte er aus einer Rede, die er zum ersten Mal 1997 auf dem Linux Kongress in Deutschland hielt. Der Name des Aufsatzes stammt von seiner zentralen Analogie: GNU-Programme seien eher wie beeindruckende Kathedralen, zentral geplante Monumente der Hackerethik, ge­baut für die Ewigkeit. Das Linux-Projekt gliche eher einem großen Basar mit schwatzenden Händlern. In dieser Analogie impliziert ist auch ein Vergleich zwi­schen Stallman und Torvalds. Stallman sei der klassische Vertreter des Architekten einer Kathedrale. Er ist ein Programmier-Guru, der für 18 Monate verschwinden könne, um mit einem genialen C-Compiler wieder aufzutauchen. Torvalds sei mehr wie der Gastgeber einer Dinnerparty. Diskussionen über das Design von Linux überlässt er den einzelnen Projektgruppen. Er schreitet nur ein, wenn es in einer Gruppe dermaßen Streit gibt, dass sie einen Schiedsrichter braucht. Schließlich entscheidet letztendlich Torvalds darüber, was in den Kernel hinein kommt. Seine wichtigste Aufgabe bestehe darin, den Fluss der Ideen aufrechtzuerhalten.

Seine Analyse brachte Raymond den Ruf ein, ‘Evangelist des freien Marktes’ zu sein. Wie die kalifornischen Ideologen hält er von staatlichen Eingriffen in den Markt nicht viel. Der Einzelne soll generell durch Dereglementierung gestärkt werden. Raymond geht soweit, dass das bei ihm sogar Waffenbesitz miteinschließt. DeLeon würde ihn in The American as Anarchist unter seiner Kategorie der ‘rechten Libertarier’ sortieren. ‘Rechte Libertarier’ sind Anarchisten, die meinen, dass die Regierung sie in Ruhe lassen solle, so dass sie mit ihrem Geld und ihren Waffen Anfangen können, was sie wollen. Als Raymond nun die Freie-Software-Bewegung und ihren produktiven Anarchismus untersuchte, entdeckte er, was er als rechter Libertarier entdecken wollte: einen unreglementierten freien Markt. Die Grundlage des ErfolFrederick P. Brooks stellt in seinem 1975 erschienen Buch The Mythical Man-Month: Essays on software engineering125 ein Gesetz auf, nachdem sich jedes Softwareprojekt verzögere, je mehr Entwickler an dem Projekt beteiligt seien. Wie viele Hacker glaubte auch Raymond als ehemaliges Mitglied des GNU-Projekts, dass viele Kö­che den Brei verderben würden und nach dem Brook’schen Gesetz ein Software-Projekt davon profitiere, wenn nur wenige an ihm beteiligt seien. Auch die Softwa­re-Projekte des GNU-Projekts bestehen nach diesem Gesetz aus nur wenigen Entwicklern. Zu Raymonds Erstaunen bewies Torvalds das genaue Gegenteil: Je mehr Hacker er einlud, im Linux-Projekt mitzumachen, desto besser wurde Linux. Raymond schrieb seine Beobachtungen in dem Aufsatz The Cathedral and the Bazaar nieder, indem er die unterschiedlichen Stile in der Leitung von GNU-Projekten mit dem Linux-Projekt kontrastierte. Den Aufsatz entwickelte er aus einer Rede, die er zum ersten Mal 1997 auf dem Linux Kongress in Deutschland hielt. Der Name des Aufsatzes stammt von seiner zentralen Analogie: GNU-Programme seien eher wie beeindruckende Kathedralen, zentral geplante Monumente der Hackerethik, ge­baut für die Ewigkeit. Das Linux-Projekt gliche eher einem großen Basar mit schwatzenden Händlern. In dieser Analogie impliziert ist auch ein Vergleich zwi­schen Stallman und Torvalds. Stallman sei der klassische Vertreter des Architekten einer Kathedrale. Er ist ein Programmier-Guru, der für 18 Monate verschwinden könne, um mit einem genialen C-Compiler wieder aufzutauchen. Torvalds sei mehr wie der Gastgeber einer Dinnerparty. Diskussionen über das Design von Linux überlässt er den einzelnen Projektgruppen. Er schreitet nur ein, wenn es in einer Gruppe dermaßen Streit gibt, dass sie einen Schiedsrichter braucht. Schließlich entscheidet letztendlich Torvalds darüber, was in den Kernel hinein kommt. Seine wichtigste Aufgabe bestehe darin, den Fluss der Ideen aufrechtzuerhalten.

Seine Analyse brachte Raymond den Ruf ein, ‘Evangelist des freien Marktes’ zu sein. Wie die kalifornischen Ideologen hält er von staatlichen Eingriffen in den Markt nicht viel. Der Einzelne soll generell durch Dereglementierung gestärkt werden. Raymond geht soweit, dass das bei ihm sogar Waffenbesitz miteinschließt. DeLeon würde ihn in The American as Anarchist unter seiner Kategorie der ‘rechten Libertarier’ sortieren. ‘Rechte Libertarier’ sind Anarchisten, die meinen, dass die Regierung sie in Ruhe lassen solle, so dass sie mit ihrem Geld und ihren Waffen Anfangen können, was sie wollen. Als Raymond nun die Freie-Software-Bewegung und ihren produktiven Anarchismus untersuchte, entdeckte er, was er als rechter Libertarier entdecken wollte: einen unreglementierten freien Markt. Die Grundlage des Erfolges der Freien-Software-Bewegung ist demnach die Freiheit der Nutzer. Das Basar-Modell spricht somit schon für eine größtmögliche Deregulierung und Freiheit. Viele verschiedene Händler konkurrieren miteinander. GNU-Projekte, oder auch firmeneigene Entwicklungen, sollen dagegen ähnlich strukturiert sein wie die mittelalterliche Gemeinde: Der Kathedralenbau wird mit dem Geld der Stadt von einer Gruppe von Priestern vorangetrieben, um die Ideen eines Archi­tekten zu verwirklichen. So kann der Kathedralenbau nur gelingen, wenn genügend Geld, ein talentierter Architekt und Arbeiter vorhanden sind. Die vielen verschie­denen Händler auf dem Basar versuchen sich dagegen gegenseitig aus dem Feld zu schlagen. Der Beste von ihnen hat auch die meisten Kunden, ganz im sozialdar­winistischen Sinn: Der am besten Angepasste überlebt.

Das Problem an Raymonds Aufsatz ist allerdings, dass weder GNU-Projekte als reine Kathedrale noch das Linux-Projekt wirklich als Basar erscheinen. Vor allem dem Linux-Projekt, mit seinen Veröffentlichungen in möglichst kurzen Zeiträu­men und seinen Tausenden von Mitarbeitern, steht ganz oben voran Linus Tor­valds, der entscheidet, was in den neuen Kernel Einzug findet und was nicht. Das Linux-Projekt ist mehr eine Mischform als ein reiner Basar oder eine reine Ka­thedrale.

In seiner Rede 1997 sprach Raymond noch von freier Software. Ab Februar 1998 ersetzte er in seinem Aufsatz freie Software durch Open Source. Grassmuck sagt dazu: “’Free’ ist nicht nur zweideutig (‘Freibier’ und ‘Freie Rede’), sondern of­fensichtlich war es in The Land of the Free zu einem unanständigen, ‘konfronta­tionellen’, irgendwie kommunistisch klingenden four-letter word geworden.”126 Der neue Name ‘Open Source’ wurde auf dem Gründungstreffen der OSI im Fe­bruar 1998 geprägt und sollte den Begriff ‘Freie Software’ ablösen, unter dem sich die Freie-Software-Bewegung über das GNU-Projekt hinaus gesammelt hatte. Nach Raymond und den anderen Teilnehmer des Treffens in der Zentrale der GNU/Linux Firma VA Research eignete sich Open Source besser für den freien Markt. Das Treffen wurde nach der Entscheidung von Netscape einberufen, den Quellcode seines Browsers offenzulegen. Die Firma erhoffte sich mit diesem Schritt, von dem Wissen der immer stärker werdenden Freien-Software-Bewegung zu profitieren — sie hoffte auf die Unterstützung der Hacker.ges der Freien-Software-Bewegung ist demnach die Freiheit der Nutzer. Das Basar-Modell spricht somit schon für eine größtmögliche Deregulierung und Freiheit. Viele verschiedene Händler konkurrieren miteinander. GNU-Projekte, oder auch firmeneigene Entwicklungen, sollen dagegen ähnlich strukturiert sein wie die mittelalterliche Gemeinde: Der Kathedralenbau wird mit dem Geld der Stadt von einer Gruppe von Priestern vorangetrieben, um die Ideen eines Archi­tekten zu verwirklichen. So kann der Kathedralenbau nur gelingen, wenn genügend Geld, ein talentierter Architekt und Arbeiter vorhanden sind. Die vielen verschie­denen Händler auf dem Basar versuchen sich dagegen gegenseitig aus dem Feld zu schlagen. Der Beste von ihnen hat auch die meisten Kunden, ganz im sozialdar­winistischen Sinn: Der am besten Angepasste überlebt.

Das Problem an Raymonds Aufsatz ist allerdings, dass weder GNU-Projekte als reine Kathedrale noch das Linux-Projekt wirklich als Basar erscheinen. Vor allem dem Linux-Projekt, mit seinen Veröffentlichungen in möglichst kurzen Zeiträu­men und seinen Tausenden von Mitarbeitern, steht ganz oben voran Linus Tor­valds, der entscheidet, was in den neuen Kernel Einzug findet und was nicht. Das Linux-Projekt ist mehr eine Mischform als ein reiner Basar oder eine reine Ka­thedrale.

In seiner Rede 1997 sprach Raymond noch von freier Software. Ab Februar 1998 ersetzte er in seinem Aufsatz freie Software durch Open Source. Grassmuck sagt dazu: “’Free’ ist nicht nur zweideutig (‘Freibier’ und ‘Freie Rede’), sondern of­fensichtlich war es in The Land of the Free zu einem unanständigen, ‘konfronta­tionellen’, irgendwie kommunistisch klingenden four-letter word geworden.”126 Der neue Name ‘Open Source’ wurde auf dem Gründungstreffen der OSI im Fe­bruar 1998 geprägt und sollte den Begriff ‘Freie Software’ ablösen, unter dem sich die Freie-Software-Bewegung über das GNU-Projekt hinaus gesammelt hatte. Nach Raymond und den anderen Teilnehmer des Treffens in der Zentrale der GNU/Linux Firma VA Research eignete sich Open Source besser für den freien Markt. Das Treffen wurde nach der Entscheidung von Netscape einberufen, den Quellcode seines Browsers offenzulegen. Die Firma erhoffte sich mit diesem Schritt, von dem Wissen der immer stärker werdenden Freien-Software-Bewegung zu profitieren — sie hoffte auf die Unterstützung der Hacker.

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