6.2 OSI

Aus Anarchie der Hacker
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Die Entscheidung von Netscape, den Quellcode seines Webbrowsers offenzu­legen, erfolgte öffentlich als Pressemitteilung am 22. Januar 1998. Für viele Beob­achter sah der Schritt von Netscape nach einer Verzweiflungstat aus. Die einst so erfolgreiche Firma hatte den Browserkrieg gegen Microsoft verloren. Microsoft vertrieb seinen Browser, den Internet Explorer, gratis mit seinem Betriebssystem Windows 95. Für Anwender, die das Betriebssystem schon hatten, gab es keinen Grund, sich den Netscape-Browser zu besorgen.

Ohne freie Software wäre das Internet in seiner heutigen Form, jeder kann mit je­dem kommunizieren, undenkbar. Wahrscheinlich würde jeder Hersteller sein eigenes Süppchen kochen, um die Anwender an seine Software zu binden. Ist es dann noch proprietäre Software, wäre eine Kommunikation zwischen Windows-, Apple- und GNU/Linux-Rechnern wahrscheinlich unmöglich. So sorgt die freie Software BIND dafür, dass man als Anwender keine langen Zahlenkolonnen wie ’212.227.109.240′ eintippen muss, sondern stattdessen ‘www.imhorst.com’ einge­ben kann, was sich leichter merken lässt, egal welches Betriebssystem man gerade benutzt. Der Email-Server Sendmail wickelt weltweit den Email Verkehr ab, und Homepages liegen häufig auf einem Apache-Webserver. Nun sollte mit dem Netscape Communicator ein Webbrowser ‘frei’ sein.

Einer der Mitglieder des Executive Committee von Netscape, Eric Hahn, war von der rasenden Entwicklung von Linux und von Raymonds The Cathedral and the Ba­zaar beeindruckt. Doch nicht allein das bewog ihn, dem Vorstand den radikalen Vorschlag zu unterbreiten, den ‘heiligen’ Quellcode zu öffnen, sondern auch die Beobachtung, “dass sich Netscape auf dem Markt immer viel erfolgreicher ge­schlagen hatte, wenn es von der Allgemeinheit als Underdog im Reich des Bösen wahrgenommen wurde. Unseren Underdog-Status hatten wir zweifellos eingebüßt.”127

Einziger Haken an der ganzen Unternehmung war noch die Lizenz: Sie sollte zwar auf dem Erbe der GPL aufbauen, jedoch ohne dass Teile der Software wieder un­ter der GPL erscheinen müssen. Letztendlich wurden zwei neue Lizenzen geschaf­fen, die Netscape Public License (NPL) und die Mozilla Public License (MPL). Mozilla war der Name des neuen Projekts, in dem der Quellcode des Netscape-Browsers mit der Hacker-Gemeinde weiterentwickelt wurde. Die neuen Lizenzen wurden zusammen mit den Größen der Freien-Software-Bewegung entwickelt, mit Torvalds, Stallman, Raymond und Perens. Besonders Raymond war von dem Treffen mit den Vorstandsmitgliedern von Netscape beeindruckt, “weil darin klar wurde, dass sie ‘wirklich verstanden, worum es ging. Er beschreibt die Leute, die er traf, als ‘intelligent’ und ‘hip’, was die Fragen anbelangte. Am meisten beeindruckte ihn, dass es kein ‘eitles Posieren’ gab, wie er es in einer solchen geschäftlichen Um­gebung befürchtet hatte.”128

Da das Wort free Unternehmen Kopfzerbrechen bereitete suchte Raymond nach seinem Besuch in der Netscape-Zentrale einen neuen Namen. Passend für den Kurs der neuen Bewegung, die unbedingt die Wirtschaft für freie Software begeis­tern wollte, fand das Treffen für ein Brainstorming in den Büroräumen von VA Research statt. An dem Treffen nahmen Raymond selbst, der Hacker John “Mad­dog” Hall, Sam Ockman von der Silicon Valley Linux User Group und Christine Peterson, Präsidentin des Forsight Instituts teil.129 Es war Peterson, die Open Source vorschlug. Der Name wurde mit Begeisterung von den anderen Teil­nehmern aufgenommen und auch auf dem ‘Freeware Summit’ vorgeschlagen, wo er ziemlich einhellig begrüßt wurde.

Der ‘Freeware Summit’ war ein wichtiges Ereignis zur weiteren Spaltung der Frei­en-Software-Bewegung, obwohl die OSI ursprünglich dazu gedacht war, die Bewe­gung zu einen. Der Verleger Tim O’Reilly organisierte das ‘Open Source’-Gipfeltreffen bekannter Hackergrößen im Frühling 1998. Sein Verlag hatte mit Dokumentationen von freier Software eine Marktnische erkannt, die er bestän­dig ausbaute. O’Reilly war ebenfalls auf dem Linux Kongress 1997, auf dem Ray­mond seine berühmte Rede hielt. Er erkannte, dass die Ideen, die in The Cathedral and the Bazaar steckten, der neuen Bewegung Selbstbewusstsein geben könnte. Der ‘Freeware Summit’ war nun dazu gedacht, die Maintainer freier Softwareprojekte, die über das Internet schon einige Zeit zusammenarbeiteten, einzuladen, damit sie sich persönlich kennen lernten. Ursprünglich sollten nur die Hacker der Westküste eingeladen werden, um die Teilnehmerzahl zu begrenzen. Dann kamen weitere wichtige Hacker hinzu, die nicht fehlen sollten, bis es schließlich ein Hacker-Gipfeltreffen wurde. Nur Richard Stallman war nicht eingeladen. Dieser Ausschluss sollte sich als symbolisch erweisen.

Was dem neuen Namen allerdings noch fehlte, war eine Definition. Raymond schlug die Debian-Definition von Bruce Perens vor. Sie umriss, wie die Li­zensierung einer Software sein musste, damit sie in Debian aufgenommen werden konnte. Für die Open Source Definition musste Perens die Debian-Richtlinien nur verallgemeinern. “Eric Raymond rief mich an dem Tag nach dem Meeting an, bei dem der Namen Open Source geprägt worden war. Raymond erklärte die Denk­weise, die hinter dem neuen Namen stand und sagte, er suche nach einer Definiti­on dafür. Als Eric mich anrief sagte ich: ‘O.K., klingt gut, lassen wir Open Source als Warenzeichen schützen und den Namen an die Debian Free Software Gui­delines binden; wir werden das die Open Source Definition nennen.’”130

In der Open Source Definition werden neun Kriterien festgelegt, nach denen Soft­ware als Open Source Software bezeichnet werden darf. Die ersten drei Kriterien besagen, dass die Software frei verteilt werden darf, dass der Quellcode offen sein muss, und dass durch Modifikationen abgeleitete Werke geschaffen werden dürfen. Die anderen Kriterien beschäftigen sich damit, dass die Software weder Personen, Gruppen oder Unternehmen diskriminieren darf. Open Source soll die kommerzi­elle Entwicklung von Software fördern. Das Produktionsmodell freier Software soll Softwarefirmen durch Open Source verständlich und akzeptabel gemacht werden. Nach der Open Source Initiative brauche freie Software einen unter­nehmerfreundlicheren Ansatz — ein leicht verständliches und einprägsames Waren­zeichen. Volker Grassmuck sieht das Vorhaben der OSI, das Warenzeichen Open Source als Gütesiegel für Software durchzusetzen, als gescheitert an: “Quelloffen­heit ist eine zwingende, wenngleich nicht hinreichende Voraussetzung auch von ‘Freier Software’, doch indem diese neue Fraktion, die das Phänomen konstitu­ierende Freiheit in den Hintergrund rückte, öffnete sie einer Softwarelizensierung die Tore, die mit Freiheit nichts zu tun hat. So ist auch Quellcode, den man einse­hen, aber nicht modifizieren darf, ‘quelloffen’. Oder Softwareunternehmen behal­ten sich vor, nach firmenstrategischen Gesichtspunkten zu entscheiden, ob sie die Modifikation von freien Entwicklern aufnehmen oder nicht. Der Versuch der OSI, das Warenzeichen ‘Open Source’ als Gütesiegel für Software durchzusetzen, deren Lizenz der Open Source-Definition genügt, ist gescheitert. Heute führen viele Pro­dukte das Label, die keine Modifikationsfreiheit gewähren — und genau sie ist der Sinn der Quelloffenheit.”131

Open Source ist somit mehr als eine einfache Sprachpolitik. Dahinter steht eine Politik, die freie Software von ihren moralischen und politische Prinzipien abtrennen will. Nicht mehr die Freiheit von Software steht im Vordergrund, son­dern ihr Entwicklungsmodell. Solange der Quellcode für alle prinzipiell einsehbar ist, ist die Software Open Source. Das GNU-Projekt fordert aber die Freiheit eines Systems freier Software.

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