6.3 Das System freier Software

Aus Anarchie der Hacker
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Von Anfang an wusste niemand, wieviele Kopien von Linux existieren. Anders als bei Microsoft, die jede Kopie genau mitzählen müssen, um die Nutzer zur Kasse zu bitten, kennen die Programmierer von Linux dieses Problem nicht. Sie können sich ganz auf das Programmieren ihres Betriebssystem-Kerns konzentrieren. Sie diskutieren miteinander über Mailing-Listen, in denen es manchmal zu heftigen Streitereien kommt und manchmal völlige Eintracht herrscht. Manchmal wird eine neue Funktion mit breitem Konsens übernommen, manchmal muss Linus Tor­valds das letzte Wort darüber haben, was nun in den Kernel Einzug findet und was nicht. Man wird der Linux-Gemeinde nicht gerecht, wenn man sie allein als de­zentrale Anarchie beschreibt. Es gibt ein Zentralteam, das Linus Torvalds an der Spitze zuarbeitet. Die einzelnen Leute aus dem Zentralteam kümmern sich um die verschiedenen Projekte, während andere wiederum ihnen zuarbeiten. Sie sieben den Quellcode für Torvalds vor. Auf der anderen Seite ist eine Mailing-Liste anti-hierarchisch, weil jeder Zugang zum Quellcode hat und jeder Änderungen vor­nehmen kann. Jeder kann tun, was er will.

Wer sind diese Leute, die bei der Linux-Gemeinde mitmachen? Sie arbeiten in Großraumbüros, in Banken, als Webdesigner, als Angestellte von Universitäten, oder sie sind Studenten. “Das sind ganz normale Leute, die nach ihrer ganz norma­len 60-Stunden-Woche gerne auch noch mal 20, 30 Stunden etwas machen, was Spaß macht. Ich glaube, das entscheidende Kriterium für Leute, die sehr produktiv sind und viel in solchen Projekten arbeiten, ist einfach die Faszination am Projekt. Und diese Faszination bedeutet auch sehr oft, dass man sich abends um sieben hinsetzt, um noch schnell ein kleines Problem zu lösen und auf die Uhr schaut, wenn es vier Uhr früh ist.”132

Die Freie-Software-Bewegung setzt sich aus lauter Individualisten zusammen, die im Vergleich mit den loyalen Programmierern bei Microsoft und in anderen Soft­wareunternehmen leicht wie Anarchisten wirken. Denn schließlich ist es seit dem GNU Manifesto von 1984 genau darum gegangen: sich nicht mehr von Softwareher­stellern bevormunden und gängeln zu lassen.

Dabei wollen die wenigsten das Etablierte, in diesem Fall Microsoft, zerschlagen oder abschaffen. Es geht vielmehr um die Kritik daran. Die Freie-Software-Bewe­gung entstand, bevor alle Welt von Microsoft sprach. Wie bereits gesagt, war Stall­man darum bemüht, unter den Programmierern ein Bewußtsein dafür zu schaffen, dass Software am Anfang frei war. “Das gleiche gilt für die meisten anderen Pro­grammierer. Manche beteiligen sich daran, weil es ihnen beruflich nützt. Andere schreiben nächtelang Programme, weil sie davon besessen sind. Manche halten ihr Tun für einen wohltätigen Akt — Adel verpflichtet. Manche wollen nervige Fehler beseitigen. Manche suchen Ruhm und Ehre bei der übrigen Programmierge­meinde. Es gibt tausende von Gründen, warum neue Open-Source-Programme ge­schrieben werden, und nur die wenigsten davon haben etwas mit Microsoft zu tun.”133

Weder der Freien-Software-Bewegung noch der OSI geht es darum, Microsoft zu besiegen und den Markt zu beherrschen. Das ist nur, wie Linus Torvalds am Ende von Interviews gerne sagt, ein komplett unbeabsichtigter Nebeneffekt.134 Es geht um ein Problem, das die Produzenten proprietärer Software haben: Geistiges Eigentum in Form von Software kann mit nur geringen Kosten beliebig oft geteilt werden. Was anfänglich so aussah, als würden anarchistische Computerfreaks ihre Produkte und ihre Arbeitszeit verschenken, ist das Problem der Rechte­verwertungsindustrie und von Lizenzgebern geworden. Durch den harten Konkur­renzkampf in der Computer- und Softwarebranche, sind Computer und Software heute spottbillig. Aus dem selben Grund ist der Zugang zum Internet kinderleicht und auch ziemlich günstig. In der Computerbranche scheint es sich abzuzeichnen, dass man Gewinn in Zukunft fast ausschließlich mit Kundendienst machen wird. Die Open-Source-Leute, allen voran Eric Raymond, scheinen das als erste erkannt zu haben. Linux-Firmen verkaufen nicht das Produkt selbst, sondern nehmen Geld dafür, dass sie mehr als ein vollständiges Betriebssystem zusammengestellt und auf CD oder DVD gepresst haben. Dazu bieten sie noch Handbücher und In­stallations-Support an. Die Software wird zur Dreingabe. Eine Revolution von Open Source besteht darin, den Verkauf und den Gebrauch von Computern komplett umzustrukturieren. Es ist nicht der alte Kampf um die Vormachtstellung auf dem Markt, sondern es geht um die Notwendigkeit der In­formationsfreiheit. Wenn man Software nahezu umsonst verteilt, können sich im Umfeld der freien Software neue Geschäftsmodelle ergeben.

Als Netscape im Mozilla-Projekt den Quellcode seines Browsers freigab, hofften sie auf breite Unterstützung aus der Open Source-Gemeinde. Diese blieb allerdings aus. Die Leute widmeten sich lieber anderen Projekten, als den Mozilla-Browser auseinanderzunehmen und zu verbessern. Woran lag das? In seinem Artikel Wer kodiert? für die Computerzeitschrift iX untersucht der Begründer eines der größten Open Source-Projekte, Matthias Ettrich, das Open Source-Phänomen, und warum es bei Mozilla gescheitert ist. Dabei vergleicht er sein Projekt, KDE (K Desktop Environment), ein Windows-Desktop für Linux, ähnlich denen von Apple und Mi­crosoft, mit dem Mozilla-Projekt. Wer bei KDE einsteigt, wird erst einmal Projekt­manager, auch wenn er der Einzige in seinem Projekt bleiben sollte. Der Neuein­steiger bei Mozilla fängt als kleiner Entwickler unter vielen an. Das KDE-Projekt beginnt von vorne, während man sich bei Mozilla in viele Millionen Zeilen freien Quellcodes einarbeiten muss, was weder trivial, noch lustig ist. Mozilla folgt außerdem einem festgelegtem Roadmap, welches genau vorgibt, bis wann etwas fertig zu sein hat. KDE bietet da wesentlich mehr Freiheiten: Jeder kann mitma­chen. Wer ein Projekt startet, braucht wenig bis gar kein Vorwissen im Program­mieren, er soll ja in erster Linie Spaß haben und daran lernen. Das allererste KDE-Programm war einfach eine neu geschriebene Uhr des Vorläufers xclock und wurde dementsprechend kclock genannt. Das clock-Projekt war ein Team mit nur einem einzigen Entwickler. “KDE hat sich dem ‘ego-less programming’ verschrieben, das den Teamgedanke weit über den andernorts praktizierten Personenkult erhebt und vom Grundgedanke ausgeht, jeder Einzelne ist ersetzbar und sollte ersetzbar sein. Dennoch kann niemand abstreiten, dass das Programmier-Ego nicht doch so man­ches Mal gestreichelt werden will. Wichtiger als der Titel eines Projektleiters ist dabei unmittelbare Gratifikation. Ein KDE-Programmierer sieht sofort entspre­chende Pixel auf dem Bildschirm. Jegliche Änderungen, die er an dem Programm durchführt, werden wenige Stunden oder sogar Minuten später von einer großen Schar Alpha-Tester und Mitentwickler ausprobiert. Entsprechendes Feedback, po­sitiv wie negativ, ist garantiert.”135

Im Gegensatz zu Mozilla ist das KDE-Projekt praktizierte Anarchie: Es gibt keine Einstiegshürden. Jeder kann mitmachen. Außerdem gibt es keine Autoritäten, keine Bürokratie und es ist dezentral über die ganze Welt verteilt. Das KDE-Pro­jekt erinnert sehr stark an den Homebrew Computer Club. Die Projektleiter können keinem in ihrem Projekt sagen, wo es langgeht. Alle sind freiwillig in dem Projekt.

Bei Mozilla stehen im Gegensatz dazu knallharte Ingenieursaufgaben an einem Produkt an, das nicht unmittelbar einsetzbar ist, sondern auf seine nächsten Mei­lenstein-Veröffentlichung wartet, etwa von der Version 1.4 zu 1.5. Bei KDE-Pro­jekten werden alle Arbeitsresultate sofort veröffentlicht und sofort getestet. “Auch wenn es dann endlich ein fertiges Release gibt, war man doch nur einer unter mehr als hundert fest angestellten Netscape-Programmierern. Der Kollege bei KDE wird sich hingegen bald als ein Teil einer Gruppe von Freunden fühlen. Dies klingt zwar pathetisch, lässt sich aber durchaus anhand diverser Treffen in der wirklich Welt bestätigen.”136

Das Beispiel KDE lässt sich auf viele andere Open Source-Projekte anwenden. Damit wird auch klar, dass die Open Source- oder Freie-Software-Gemeinschaft keine gesichtslose Masse ist. Es sind alles Individualisten. Einige verstehen ihr Tun politisch und fühlen sich als selbstlose Kämpfer einer besseren Gesellschaft, ande­re nicht. Leute wie Matthias Ettrich sehen eher die pragmatischen Gründe für freie Software: Es geht dabei um mehr Quellcode, um davon zu lernen, und um eine breitere Codebasis, die man in eigenen Programmen verwenden kann. Andere schreiben freie Software, weil es einfach ein gutes Gefühl gibt und Spaß macht. Einige haben ein Interesse an der fertigen Software und treiben die Entwicklung voran, oder es treibt sie bloß technische Neugier. “Immer steht jedoch der einzelne Entwickler und seine Interessen im Vordergrund, keine abstrakte ‘Community’. Entwickler Freier Software sind daher weder leicht berechenbar, noch lassen sie sich selbstlos vor fremde Karren spannen, sei es, um die Gesellschaft zu ver­bessern oder sei es, um Microsoft und alle anderen kommerziellen Softwareher­steller zu bekämpfen.”137

Vielen Entwicklern freier Software geht es in erster Linie darum, Spaß an einem wunderschönen Hobby zu haben. Das ist die schöne Seite am Anarchismus der freien Software. Ihre Ordnung entsteht durch Motivation und auf freiwilliger Basis. Von daher ist auch Open Source in dieser Hinsicht kein Geschäftsmodell. Möchte jemand ein bestimmtes Programm in einem Open Source-Projekt haben, muss er die Leute dafür interessieren. Wenn Bill Gates eine neue Funktion in Windows se­hen möchte, braucht er nur mit dem Finger zu schnippen, und Hunderte Program­mierer bauen ihm die neue Funktion ein. Würde Linus Torvalds eine neue Funkti­on in Linux wollen, müsste er in der Mailling-Liste Hunderte Hackern vom Nutzen der neuen Funktion überzeugen, damit es vielleicht irgendwer einmal in Angriff nimmt. Raymonds Hoffnung, dass mit der Öffnung des Quellcodes vom Netscape Navigator sich für die Firma schlagartig alles zum besten wenden würde, ist fehlgeschlagen. Das Mozilla-Projekt gleicht eher einer Kathedrale als einem Basar. Open Source-Projekte sind von GNU-Projekten wohl doch nicht so weit entfernt, wie Raymond dachte.

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