Einleitung

Aus Anarchie der Hacker
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I am St. Ignucius of the Church of Emacs, I bless your computer, my child. Emacs was initially a text editor. Eventually it became a way of life for many and a religion for some. We call this religion the Curch of Emacs.1

Richard Matthew Stallman

Wenn Richard Stallman diese Worte am Ende seiner Rede sagt, zieht er sich ein schwarzes Gewand an, setzt sich eine alte gelbe Festplatte wie einen Heiligenschein auf den Kopf und spielt den von ihm erfundenen Heiligen Sankt Ignucius. Wie Moses die Gesetzestafeln hält er sein Notebook vor die lachende Menge, um sie selbstironisch zu segnen. Der Texteditor Emacs ist eines der ersten Programme, die Stallman geschrieben hat. Manche vergleichen ihn mit einem Schweizer Ta­schenmesser, weil man mit dem Texteditor so ziemlich alles am Computer machen kann, was man als Programmierer machen muss und noch mehr. Er lässt sich an die jeweiligen Bedürfnisse des Anwenders anpassen. Einige Leute entwickelten ihn weiter, so dass sie mit ihm Emails lesen konnten und automatisch Antwort­schreiben erstellt wurden. Ein Professor soll eine Emacs-Erweiterung program­miert haben, die in alle seine Emails lobende Worte an sein Sekretariat einfügte. Hieß es am ersten Tag: “Wo sind die Berichte, um deren Kopien ich sie gebeten habe? Sie arbeiten großartig mit. Vielen Dank für ihre Hilfe”, stand am nächsten Tag dort: “Wird das noch was mit den Kopien? Sie arbeiten großartig mit. Vielen Dank für ihre Hilfe.”2 Doch noch wichtiger als das Programm ist der Geist, mit dem Emacs veröffentlicht wurde. Er war die erste bewusst freie Software. Jeder kann Emacs kopieren, weitergeben und ihn verbessern. Die einzige Bedingung ist, dass Emacs frei bleiben muss. Viele folgten Stallmans Beispiel und veröffentlichten ihre Software unter demselben ‘Spirit’, darunter viele Programme, ohne die das In­ternet in seiner heutigen Form undenkbar wäre. Die Emacs-Lizenz wurde für viele Programmierer zum Lebensstil und für einige zur Religion — der Kirche von Emacs.

Stallmans Botschaft ist eine radikale politische Botschaft. Schließlich geht es um Privateigentum, einen Eckpfeiler der Gesellschaft, in der wir leben. Geistiges Privateigentum in Form von Software ist die Gelddruckmaschine des ausgehenden 21. Jahrhunderts. In seinem Buch In the Beginning was the Command Line erzählt Neal Stephenson die Anekdote von einem Menschen, der Anfang der 1980er Jahre ins Koma fällt und um 1995 wieder aufwacht. Als er eine Tageszeitung aufschlägt, stellt er fest, dass er alles verstehen kann, außer, dass der reichste Mann der Welt, Bill Gates, seinen Reichtum weder mit Öl, Gold oder Aktienspekulationen erwor­ben hat, sondern mit Software.3 Mit Copyrights und Patenten auf geistiges Eigen­tum in Form von Software konnte man plötzlich Millionen Dollar verdienen.

Seine Gegner werfen Stallman vor, dass er das geistige Eigentum abschaffen wolle und mit seiner Freien-Software-Bewegung einer kommunistischen Utopie nach­hänge. Er selbst sieht sich nicht als Kommunist oder antikapitalistischer Staatsfeind, der das Eigentum abschaffen will. Stallmans Lizenz, die GNU General Public License (GPL), der politische Ausdruck des ‘free Spirit’ der Freien-Software-Bewegung, spricht auch nicht von der Abschaffung des geistigen Eigentums. Im Gegenteil, sie will bestimmtes geistiges Eigentum schützen.

Der Autor verschenkt die Kontrolle über sein Werk, nicht aber das Werk als sol­ches. Er gibt mit der GPL die Autorenschaft über sein Werk nicht ab. Gewährt werden dem Nutzer bestimmte Freiheiten, wie die Freiheit, das Werk, oder Teile davon, zu modifizieren und verändert zu veröffentlichen. An diese Freiheit ist nur eine Bedingung geknüpft: Das veränderte Werk muss wieder unter der GPL stehen. Ähnliche Lizenzen gibt es auch für Bücher, Musik und anderen Formen geistigen Eigentums. Diese Freiheiten können von keinem zurückgenommen werden. Freie Software soll nicht Eigentum eines Einzelnen sein, sondern der All­gemeinheit gehören. Ihr Gegenstück ist die proprietäre Software. Ein proprietäres Programm wie Microsoft-Word ist Privateigentum der Firma Microsoft. Wer Word installiert, hat nur ein Nutzungsrecht an dem Programm. Die umfangreiche Lizenz soll Word davor schützen, dass das Programm von seinem Anwender einfach weitergegeben oder modifiziert wird. Die GPL dagegen ermutigt den Anwender zur Modifikation und zur Weitergabe ihrer Software. Niemand ist vom Eigentum an GPL-Software ausgeschlossen. Ihre Verbreitung kann deshalb von niemandem kontrolliert werden. Wer sie benutzen möchte, kann sie sich kopieren und weitergeben, wodurch die Verfügbarkeit von GPL-Software sehr schnell wächst. In diesem Sinne ist die GPL eher eine Anti-Lizenz, weshalb Stallman von der GPL auch lieber als ‘Copyleft’ spricht anstatt von Copyright.

Grundlegend für Richard Stallmans politische Philosophie ist die Hackerethik. Ein Kodex, den sich eine Gruppe von Computerfreaks am Massachusetts Institute of Technology (MIT) gegeben hatte. Sie lernten gemeinsam die ersten Computer am MIT zu programmieren und das Wissen darüber miteinander zu teilen. Das ge­meinsame Programmieren, Lernen und den freien Austausch von Wissen nannten sie ‘hacken’, und sich selbst Hacker, bevor Journalisten Computerpiraten so nann­ten.

Die Hackerethik ist für Stallman und die Freie-Software-Bewegung politisches Pro­gramm und quasi eine Religion zugleich. Ihren politischen Ausdruck findet die Ha­ckerethik in der GPL, eine fast religiöse Verehrung findet sie in der Kirche von Emacs oder in anderen Projekten der Freien-Software-Bewegung. Die anarchis­tischen Momente der Hackerethik sind die Forderungen nach Freiheit und De­zentralisierung, sowie in anti-bürokratischen und anti-autoritären Bestrebungen. Für David DeLeon ist Anarchismus in Amerika die einzig radikale konstruktive Kritik an der liberalen Gesellschaft und in dieser Arbeit ist der amerikanische Anarchismus die Bedingung für die Hackerethik. Während der Anarchismus in Europa längst verschwunden ist, hat er in der amerikanischen Tradition überdau­ert. Dafür macht DeLeon in The American as Anarchist historisch drei wesentliche Eigenschaften der amerikanischen Lebensweise verantwortlich: Den radikalen Protestantismus als nach innen gekehrte Religion, das weite Siedlungsgebiet, in denen sich Gemeinschaften der Kontrolle des Staates entziehen konnten und den amerikanischen Anarcho-Kapitalismus.

Aus dieser Tradition heraus ist es vielleicht kein Wunder, dass die ersten Hacker am MIT mit praktischem Anarchismus auf die Autoritäten reagierten, die ihnen den Zugang zum Computer beschränken wollten. Rechenzeit war teuer und be­grenzt, und über die mehrere Millionen Dollar teuren Rechner wachten speziell von IBM ausgebildete Ingenieure, die sich selbst ‘die Priesterschaft’ nannten. Durch ehemalige Hacker des MIT, die in anderen Computerlaboren in den USA anfingen zu arbeiten, verbreitete sich die Hackerethik über die Informatikzentren Amerikas.

Der Computerjournalist Steven Levy hält in seinem Buch Hackers — Heroes of the computer revolution die Geschichte der Hackerkultur und ihrer Hackerethik bis zu ih­rem vorläufigen Ende 1984 fest. Sein letztes Kapitel befasst sich mit dem letzten wahren Hacker, Richard Matthew Stallman. Dort4 sagt Stallman, dass die Hackerkultur am MIT das lebende Beispiel für eine anarchistische und großartige Einrichtung gewesen sei, bevor sie aus gelöscht wurde. Stallman gründete nach dem Vorbild der Hackerkultur eine neue Gemeinschaft, aus der schließlich die Freie-Software-Bewegung entstand.

Auf der ersten Hackerkonferenz sagte Burrell Smith, der Designer des Apple Macintosh Computers, dass ein Hacker nicht unbedingt ein Computerfreak sein müsse: “Hackers can do almost anything and be a hacker. You can be a hacker carpenter. It’s not necessarily high tech. I think it has to do with craftsmanship and caring about what you’re doing.”5 Das Jargon File der Hacker, das gemeinsam im Internet erstellt wurde, definiert Hacker als Menschen, die enthusiastisch programmieren, und die glauben, dass das Teilen von Informationen ein mächtiges positives Gut ist.6 Im Jargon File wird auch betont, dass ein Hacker ein Experte oder Enthusiast jeder Art sein kann. Die Begriffe Hacker und Hackerethik werden von den Hackern selbst in einem Sinn gebraucht, der über das Computer-Hacken hinausgeht. Demnach könnte die Hackerethik eine auf die Profession des Hackers abgeleitete anarchistische Variante der Handwerkerethik sein. ‘Du kannst ein Hacker-Zimmermann sein’, oder ein Hacker-Uhrmacher, wie die anarchistischen Uhrmacher im Schweizer Jura des 19. Jahrhunderts. Ihr oberstes Prinzip war ihre Autonomie. Sie waren ihre eigenen Herren und teilten solidarisch ihr Wissen untereinander. Diese Handwerkerethik war eine praktische Ethik, da sie durch ihre Praxis voneinander lernten. Der Bildungsgrad oder die gesellschaftliche Stellung spielten unter ihnen keine Rolle, “so daß ein jeder, den die Lust ankam, sich dem Uhrmacherberufe zu widmen, in die Lehre treten und in einer solchen bleiben konnte, wo und solange er wollte, und ebenso stand seiner Niederlassung als Meister oder seiner Ausbildung in einer Spezialität und Beschränkung auf eine solche nicht das mindeste im Wege.”7 Dieselben moralischen Prinzipien findet man in der Hackerethik und in der Freien-Software-Bewegung wieder.

Doch was genau ist freie Software? Stallmans Reden beginnen oft mit einem Ver­gleich zwischen Software und Kochrezepten. Beides sind Schritt-für-Schritt Anleitungen zu einem gewünschten Resultat, an die man sich aber nicht halten muss, wenn man das Ergebnis modifizieren möchte. Ein Kochrezept ist ein Regel­werk von Anleitungen, die man befolgen muss, um ein Gericht fertig zu stellen. Anders als ein Computer müssen wir uns bei einem Kochrezept aber nicht skla­visch an die Regeln halten, sondern können sie verändern. Wir können Tomaten weggelassen und Pilze dazu nehmen, wenn wir Pilze mögen. Man kann etwas weniger Salz nehmen, weil der Arzt einem geraten hat, weniger Salz zu nehmen. Doch viel wichtiger ist, dass Software und Rezepte als Information leicht zu teilen sind. Gibt ein Koch einem Gast sein Rezept, so verliert der Koch nur ein bisschen Zeit und das Papier, auf dem er das Rezept schreibt. Software kann heute im Inter­net mit nur wenigen Mausklicks ausgetauscht werden. In beiden Fällen erhält die Person, die die Information teilt eine bedeutende Erfahrung: Wissen wird nicht weniger, wenn man es teilt.

Einmal angenommen, dass wir in einer Gesellschaft leben würden, in der die Kü­che eine black box ist. Wenn Rezepte niemand einsehen kann, außer der Koch selbst, kann niemand anderes sehen, wie die Zutaten benutzt worden sind. Würde man eine Kopie des Rezepts für einen Freund machen, wäre man ein Pirat und käme für Jahre ins Gefängnis. So eine Welt riefe einen unglaublichen Aufstand der Leute hervor, die leidenschaftlich Rezepte austauschen. Aber genau das ist die Welt der proprietären Software. Eine Welt, die den gemeinschaftlichen Austausch von Software verbietet und verhindert.8 Die erste black box für Stallman war ein Laser­drucker der Firma Xerox. Dieser war ein Geschenk an das Artificial Intelligence Laboratory des MIT, für das er arbeitete. Als er einen Fehler an der Software des Laserdruckers beheben wollte, fand er allerdings nichts vor, was er lesen oder ver­stehen konnte, sondern ein Kauderwelsch aus Einsen und Nullen. Im Vergleich mit dem Rezept war das Gericht serviert, Stallman konnte aber nicht sehen, wie es gemacht worden war, um die Software des Druckers zu verbessern.

Ein Computerprogramm ist eine Schritt-für-Schritt Abfolge von Befehlen, die ein Computer abarbeiten soll, ähnlich wie ein Rezept eine Schritt-für-Schritt Anleitung für den Koch ist. Beginnt ein Programmierer, ein Computerprogramm zu schreiben, fängt er mit dem Quellcode an. Code ist hier in diesem Sinn als ein Regelwerk aus Befehlen zu verstehen, die der Computer befolgen soll. Jeder, der anfängt in der Programmiersprache C zu programmieren, beginnt mit dem Quell­code eines einfachen Programmes, das nur den Satz “Hello World!” auf den Bild­schirm schreiben soll:

  /* Programm hello.c */ 
  main()
      {
        printf("Hello World!");
      }

Diese Computerbefehle sind für Menschen les-, vor allem aber veränderbar, weil sie eng an eine natürliche Sprache angelehnt sind. Computer hingegen verstehen diese Befehle nicht. Sie verstehen nur ihre eigene, ihre Computersprache, den Bi­närcode. Deshalb muss der Quellcode für den Computer in den Binärcode über­setzt werden. Der Binärcode besteht nur aus Nullen und Einsen. Diese Arbeit leis­ten spezielle Übersetzer, Computerprogramme, die Compiler genannt werden. Der Compiler übersetzten den Quellcode in den Binärcode, der für Menschen schwer bis gar nicht mehr zu lesen ist, und der für dieses Beispiel folgendermaßen aussehen könnte:

  110000110011100011001100011001001110
  010001000100111001110000000111010110
  111001101110010111000111110010100100
  001100011000110110110010101000111010

Erst nachdem der Quellcode des Programms übersetzt worden ist, kann der Anwender es starten und der Computer schreibt “Hello World!” auf den Bild­schirm. Den Quellcode selbst braucht er dazu nicht mehr. Der Anwender braucht ihn allerdings auch nicht, es sei denn, er möchte an dem Programm “Hello World” ändern, dass es anstatt des englischen “Hello World”, das deutsche “Hallo Welt” auf den Bildschirm schreibt. Dazu braucht er den Quellcode und das Wissen, wie man das Programm ändert. Für den freien Austausch von Wissen ist der Quellcode wichtig, um zu sehen, wie das Programm geschrieben worden ist. Er muss einseh­bar sein, damit Verbesserungsvorschläge gemacht werden können, damit an und aus ihm gelernt werden kann, und um das Programm den eigenen Bedürfnissen an­passen zu können. Wenn der Quellcode nicht zugänglich ist, ist dieser freie Wissensaustausch nicht möglich.

Wenn Wissen im Allgemeinen und Software im Besonderen geteilt, oder besser ge­sagt kopiert wird, entsteht kein Mangel. Bei proprietärer Software muss der Aus­schluss vom Gebrauch der Software durch Lizenzen künstlich hergestellt werden, damit der Produzent der Software auch ihr Eigentümer bleibt. Hier setzt Stallmans Kritik an, da er es für unmoralisch hält, nicht zu teilen. Freie Software dagegen ist Gemeineigentum, sie gehört allen. Jeder, der sich das Programm auf seinen Computer installiert hat, ist Privateigentümer von Emacs. Richard Stallman hat keine Kontrolle darüber, was die Leute mit seinem Programm machen. Auf seinem Computer kann der Anwender freier Software uneingeschränkt über die Software verfügen und andere von ihrer Nutzung ausschließen. Damit entspricht freie Soft­ware dem Begriff des Eigentums. Der Ausschluss widerspricht zwar der Ha­ckerethik, ist aber möglich. Damit freie Software nicht zur proprietären wird, entwickelte Stallman die GNU General Public License (GPL). Der Quellcode von GPL-Software muss weiterhin frei verfügbar sein. Ihre Lizenz darf nicht verändert werden und Teile von GPL-Software dürfen nicht Teil proprietärer Software werden. Fließt GPL-Quellcode in ein anderes Programm mit ein, muss es als abge­leitetes Werk wieder unter der GPL stehen und sein Quellcode vollständig offen gelegt werden. Dagegen lassen es andere Lizensierungen freier Software, wie die Berkeley Software Distribution License (BSD-Lizenz), ausdrücklich zu, dass abgeleitete Werke zu proprietärer Software werden dürfen.

Bis in die späten 1970er Jahre hinein war es nicht notwendig, zwischen freier und proprietärer Software zu unterscheiden, da Software nicht als geistiges Eigentum angesehen wurde. Software wurde von Computerfirmen umsonst mit zur Hardwa­re dazugegeben und in der Informatik wurde offen über Quellcodes diskutiert. De­ren Veröffentlichung war ebenso üblich wie das Veröffentlichen von Forschungs­arbeiten in anderen wissenschaftlichen Disziplinen. Diese Konventionen der Soft­wareentwicklung wurden von der Hackerethik aufgenommen und idealisiert. In­formation sollte frei sein. Gegen Ende der 70er Jahre ereignete sich in der Soft­warewelt ein Paradigmenwechsel: Software wurde zur Ware. Wer sie benutzen wollte, musste für sie Lizenzgebühren bezahlen. Auf diese Veränderung reagierte Stallman mit der Gründung des GNU-Projekts, dem ersten bewusst freiem Soft­wareprojekt. GNU ist ein rekursives Akronym und steht für “GNU’s Not Unix”. Solche Wortspiele sind bei den Hackern der Freien-Software-Bewegung sehr beliebt. Es sollte von Anfang an mehr als nur ein Sammelbecken für freie Software sein. GNU ist ein System freier Software, das jede proprietäre Software durch GNU-Software ersetzen soll. Die Idee, freie Software zu schreiben und zu veröf­fentlichen, verbreitete sich unter Hackern, Studenten und Programmierern. Die Freie-Software-Bewegung war geboren. In ihr finden sich bis heute Leute zu­sammen, die mit ihrer Arbeit nicht unbedingt Geld verdienen wollen, sondern Spaß am Programmieren und eine anarchistische Kritik an der liberalen Gesell­schaft der USA haben, an ihrer gesellschaftlichen Ordnung des geistigen Eigen­tums mit ihren Patenten und Copyrights. Diese Kritik steht in der amerikanischen Tradition des Anarchismus, der in seinen Extremen ein ‘rechter’ und ein ‘linker’ Anarchismus, oder anders gesagt, ein kapitalistischer und ein genossenschaftlicher Anarchismus ist. In der Freien-Software-Bewegung finden sich beide Extreme. Die Ideologie zum kapitalistischen Anarchismus in der Software-Branche ist die kali­fornische Ideologie.

Von Anfang an war Bill Gates der größte Verfechter von Patenten und Copyrights auf Software. Gates kritisierte bereits in den 70er Jahren in seinem Open Letter to Hobbyists den freien Austausch von Software und die Hackerethik. Auf einer Kon­ferenz für die Anwender des ersten Heimcomputers 1976 begann er eine persönli­che Fehde mit den Computeramateuren, die mit Raubkopien von Software arbeite­ten. Für einen Hacker kostet Software am besten nichts, da er die Software nehmen und ausprobieren möchte. Muss er dafür erst Hunderte von Dollar zahlen, würde ihn das schnell arm machen. Gates dagegen forderte die Bedingungen für eine entstehende Softwareindustrie. Er forderte das Ende des freien Austauschs von Software. Damit stieß er auf extreme Feindseligkeit, denn es war die Antithese zum genossenschaftlichen Anarchismus der Hacker.

Gates ist als Unternehmer an dem Gebrauchswert eines Programms nur insoweit interessiert, dass der Gebrauchswert, wie Marx im Kapital sagt, Träger von Tauschwert ist.9 Ein Computerprogramm ist eine Ware, die für Leute nützlich sein muss, damit sie auf dem Markt verkauft werden kann. Wenn die Nachfrage nach dem Produkt zu gering ist, weil es für zu wenige Leute einen Gebrauchswert hat, wird es von einem profitorientiertem Unternehmen nicht auf dem Markt angebo­ten. So verzichtete Microsoft 1998 darauf, die isländische Schrift in Windows auf­zunehmen, obwohl das Land dazu bereit war, für die Unterstützung seiner Schrift zu bezahlen.10 Da Island ein viel zu kleiner Markt ist, winkte Microsoft ab.

Die Anhänger der Freien-Software-Bewegung interessieren sich nicht für den Tauschwert. Für sie gilt nur der Gebrauchswert eines Programms. Den vollen Ge­brauchswert hat ein Programm für einen Hacker aber nur, wenn es vollständig ihm gehört. Es gehört ihm in diesem Fall allerdings erst dann, wenn die Software frei ist und er auf seinem Computer mit ihr anstellen kann, was er will. Die Software muss sein Privateigentum sein und nicht das von Microsoft. Aber nicht nur für Hacker, auch für andere ist Eigentum an Software eine überaus wichtige Sache. Denn ohne den Quellcode von Windows und ohne das Recht, ihn verändern zu dürfen, war Island völlig abhängig von der Gnade Microsofts. In dem freien Betriebssystem GNU/Linux konnte Island ohne Probleme seine Schrift implementieren und Computer in der öffentlichen Verwaltung mit der isländischen Sprache einsetzen.

Linux war am Anfang ein Hobby des finnischen Studenten Linus Torvalds. Da er kein freies Betriebssystem zur Hand hatte, um den Computer-Chip von Intel in seinem Rechner zu erforschen, begann er damit, selbst eines zu schreiben. Dabei verließ er sich auf Programme des GNU-Projekts, die allesamt unter der GPL standen. Er traf Stallman zum ersten Mal 1991 bei einem Vortrag an der Universi­tät von Helsinki. Am besten ist ihm dabei in Erinnerung geblieben, dass Stallman einer dieser langhaarigen und bärtigen Hacker-Stereotypen war, von denen es in Finnland nicht viele gibt. Torvalds hat von den politischen Aussagen Stallmans wenig behalten. “Sein Vortrag mag keine Erleuchtung für mich gewesen sein, aber etwas davon muss wohl hängen geblieben sein. Immerhin habe ich später die GPL für Linux genutzt.”11 Für Torvalds hatte freie Software weniger mit Politik und Ideologie zu tun. Er sah in ihr vielmehr einen pragmatischen Ansatz, gute Software schnell zu entwickeln, indem er möglichst viele Augen auf den Quellcode von Li­nux schauen ließ. GNU-Projekte sehen meist so aus, dass sich eine Gruppe von Hackern solange von der Öffentlichkeit zurückzieht, bis sie ein einigermaßen funktionstüchtiges Programm entwickelt haben. Torvalds veröffentlicht jede Veränderung an Linux sofort. Hunderte von Testern stehen mittlerweile bereit, um die Veränderungen auf Fehler zu prüfen, oder um selbst neue Funktionen in Linux einzubringen.

Doch zunächst zu den Ursprüngen der Freien-Software-Bewegung, zu den Hippies in Kalifornien und den ersten Hackern am Massachusetts Institute of Technologie und ihren anarchistischen Wurzeln.

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